-Am 20. Juli vergangenen Jahres starb Pawel Scheremet, als unter seinem Wagen eine Bombe detonierte. Der 44-jährige gebürtige Weißrusse war auf dem Weg zur Arbeit in der Redaktion der Ukrajinska Prawda, mitten in Kiew. Und das ist nicht zuletzt der Situation geschuldet, die Pawel Scheremet immer wieder beschrieben hat: In der Ukraine herrscht Anarchie. Weder hat das Minsker Abkommen die Ostukraine befriedet – ganz im Gegenteil. Noch ist es gelungen, in dem Land rechtsstaatliche Strukturen und demokratische Institutionen zu verankern und das Land ökonomisch auf Wachstumskurs zu bringen.

Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

So macht sich in Kiew bereits vielerorts die Befürchtung breit, die Situation könne in einem Militärputsch eskalieren. Auch Pawel Scheremet warnte vor einem möglichen Staatsstreich, zuletzt in einem Artikel, den er drei Tage vor seinem Tod veröffentlichte. Womöglich hat nur der Umstand, dass vergangenen Juli der Putsch in der Türkei niedergeschlagen wurde, Ähnliches in der Ukraine verhindert. Eventuell aber nur aufgeschoben. Die Lage ist gespannt.

Und das Schicksal der Ukraine von einer unheiligen Allianz zweier Machtpole gelenkt: der Regierung von Petro Poroschenko und dessen von der CIA beaufsichtigten Geheimdienst SBU – und den russophoben Radikal-Patrioten, deren paramilitärische Freiwilligen-Bataillone seinerzeit für die Gewalt-Exzesse auf dem Maidan verantwortlich waren und, nach dem Sturz von Wiktor Janukowytsch, die Aggression gegen die russischen Separatisten im Donezbecken schürten.

Stets am Rande eines weiteren Maidan, wenn nicht eines Staatsstreichs, und von den Ultra-Rechten permanent dem Vorwurf ausgesetzt, zu russenfreundlich zu sein, wagt es kein politischer Funktionsträger, gegen die Nazi-Bataillone vorzugehen, auch Journalisten, Richter und Wirtschaftsbosse, selbst solche mit einem Funken Restanstand hat, geben klein bei oder wedeln besser mit den Nationalfarben, wenn sie ihren Job, ja wenn sie ihr Leben behalten wollen.

Das Ergebnis ist de facto ein gesetz- loser Zustand.

Wie weit die Macht dieser Paramilitärs reicht, zeigt allein ein Beispiel aus dem vergangenen Sommer. Da waren zwei hochrangige Manager, ein Vorstandsmitglied des staatlichen Öl- und Gasversorgers Naftogaz und der Vize-Chef des Düngemittelherstellers Odessa Port Plant der sicher geglaubten Verurteilung wegen Veruntreuung von Firmenvermögen entkommen. Aber nicht etwa aus Beweismangel oder sonstiger schlampiger Arbeit des Anti-Korrupti- onsbüros. Sondern weil Männer in Kampfanzügen zwei Tage lang die Arbeit des Gerichts blockierten und so lange Chaos und Angst schürten, bis die Männer frei waren. „Männer in Kampfanzügen sind inzwischen, wenn nicht über dem Recht, dann doch zumindest in der Lage, die Rechtsprechung zu paralysieren“, kommentierte Scheremet, der als einziger von dem Fall berichtete.

Besonders einflussreich und besonders rigoros ist das so genannte Regiment Asow. Es umfasst mehr als 800 Kämpfer, wird von Innenminister Arsen Awakow sanktioniert und stellt mit dem früheren Kommandeur Wadim Trojan seit Ende letzten Jahres sogar den ukrainischen Polizeipräsidenten. An der Spitze dieser ultra-nationalen Privatarmee steht Andrij Bilezkyi, ein ausgewiesener Nazi, der auch als unabhängiger Kandidat im Parlament sitzt und von Präsident Poroschenko 2014 für seinen Einsatz in der Ostukraine mit dem Orden „Für Tapferkeit“ ausgezeichnet wurde.

Vergangenen November, am Jahrestag des Beginns der Maidanbewegung, ließen die rechten Schläger eine bis dahin friedliche Gedenkveranstaltung in Gewalt ausarten. Rund 500 teils vermummte Rekruten des Regiments Asow zogen mit Sprechchören wie „Ruhm der Ukraine – Tod den Feinden“ durch Kiew, zerlegten eine Filiale der russischen Bank Sberbank sowie einen Schönheitssalon, den sie mit dem Büro des vermeintlich zu russenfreundlichen Politikers Viktor Medwetschuk verwechselten.

Ein neues Maidan, womöglich gar ein Staatsstreich, lag in der Luft.

Darüber hinaus soll das Regiment Asow auch hinter diversen finanziell motivierten Verbrechen stecken. Etwa dem bewaffneten Überfall auf einen Geldtransporter nahe Saporischschja im letzten Sommer. Bei einer anschließenden Schießerei mit der Polizei wurden zwei der Räuber getötet, darunter ein lettischer Neo-Nazi und ein Russe, beide hoch angesehene Kämpfer des Regiments Asow, auch einer von zwei Festgenommenen diente der Truppe bis zuletzt. Bilezkyi eilte noch in der Nacht nach dem Vorfall zum Ort des Geschehens, um seine Kämpfer still zu halten. Ein Blutbad drohte.

„Ein Wort von Bilezkyi, und eine Armee junger Männer wäre im Zentrum von Kiew aufmarschiert, bereit die Feinde der Ukraine, russische Agenten und die Oligarchen zu zerpflücken. Sie hätten von Verrat geschrien und von Sicherheitskräften, die Kriminelle im Donbass schützten und die wahren Patrioten schikanierten“, schrieb Pawel Scheremet. „Ich kann mir vorstellen, wie schwer es ihm diese Entscheidung fiel.“ Ein neues Maidan, womöglich gar ein Staatsstreich, lag in der Luft. Scheremets leider von viel zu wenigen gehörte, geschweige denn berühmt gewordene letzte Worte lauteten: „Wir müssen Andrij Bilezkyi aufmerksam beobachten.“
Er selbst kann dies nun nicht mehr tun. Umso mehr ist die Welt gefordert.

Christian Seidl Teamleiter Story, Berliner Kurier / Berliner Zeitung