Damals war die Hoffnung so groß

Damals war die Hoffnung so groß, dass dieses kriegsversehrte Stückchen Erde, dieser Spielball der Großmächte, dieses Opfer seiner geopolitischen Lage nun zur Ruhe kommen konnte. Nach Jahren des Bürgerkriegs, bei denen es vor allem um die Interessen der USA und der Russen ging, auch wenn die Protagonisten vor Ort Rabbani, Hekmatyar und Abdul Raschid Dostum hießen.

Es muss in diesem kurzen Moment der Hoffnung gewesen sein, in dem sich Zabihullah Tamanna entschied, Foto-Journalist zu werden und nicht Rechtsanwalt, was er studiert hatte. Es wäre schön gewesen, wenn er den Aufbruch seines Heimatlandes in eine friedliche Zukunft hätte dokumentieren können. Eine Zukunft, die an eine Vergangenheit anknüpft, die dieses Land mit seinen wildromantisch-kargen Gebirgsregionen und seinem reichen kulturellen Erbe ja auch hat: Ende der 60er, Anfang der 70er, als Zahir Schah, König Afghanistans, die mittelalterlichen Stammesstrukturen modernisierte, sein Land nach außen öffnete, Frauen das Wahlrecht bekamen und Schulen und Unis besuchen durften. Damals gab es tatsächlich Studentinnen in Sommerkleidern, die an der Uni in Kabul Medizin studierten. Und die Chicken Street galt unter den Hippie-Travellern als coole Location auf der Reise Richtung Indien.

Für ältere Afghanen ist diese Zeit die letzte positive Erinnerung an ein halbwegs friedvolles Leben – für die jungen ist es nur noch eine Erzählung.

Zabi – so nannten ihn seine Freunde – war ein freundlicher, warmherziger Mann, der Wert darauf legte, seine Akkreditierung als Journalist auf legalem Wege zu bekommen, nicht wie üblich durch Bestechung. Seine Waffe war der Fotoapparat. Und statt eines Neubeginns dokumentierte er nun den Abstieg seiner Heimat in den nächsten tödlichen Konflikt. Er sprach mit alten, korrupten Politikern und mit jungen Frauen, die plötzlich wieder Burka trugen. Er fotografierte junge Männer, die sich nach Europa durchschlagen wollten und die dazu gehörenden Menschenschmuggler, die das Leid zu sehr viel Geld machten. Und er  begleitete für eine Reportage kleine Jungs, die sich ein paar Münzen verdienten, indem sie an Kreuzungen den Autofahrern den Rauch duftender Kräuter entgegenwedeln. Diese Kräuter, so der Aberglaube, schützen vor dem Bösen. Wie schön wäre es, gerade hier, der Zauber würde funktionieren.

Für Zabi hat er nicht funktioniert. Er recherchierte gemeinsam mit dem preisgekrönten amerikanischen Fotojournalist David Gilkey für den Sender National Public Radio im Süden des Landes in der Provinz Helmand. Hier, im Herz der Finsternis, herrschen die Taliban auf die ihnen eigene, zynische Art. Hier lassen sie die Bauern auf der Hälfte der kompletten Anbaufläche Afghanistans Schlafmohn säen und ernten. Das bringt zehn Mal mehr Profit als, zum Beispiel, der Anbau von Weizen. Also zehn Mal mehr Geld für Waffen. Dass Allah den Anbau von Drogen nicht gutheißt, ficht sie nicht an: Der Krieg ist heiliger.

Drei Generationen sind seither mit der Waffe in der Hand groß geworden  – oder mit der Angst, durch eine dieser Waffen zu sterben.

Mit einer dieser Drogendollar-Waffen, einer Granate, wurde Zabi getötet, als er mit der afghanischen Armee nahe der Stadt Mardscha unterwegs war, um die Spur des Schlafmohns zu verfolgen. Der Wirtschaftsfaktor Opium ist für die Taliban zu wichtig, er wird mit aller Macht verteidigt. 90 Prozent des afghanischen Opiums stammen aus dieser Provinz. Die Radikalislamisten verdienen Millionen aus Steuern auf Mohnanbau und dem Drogenschmuggel. Die afghanische Armee hat das Gebiet im vergangenen Jahr so gut wie aufgegeben, und auch die Spezialkräfte der US-Armee konnten nicht verhindern, dass die bestens ausgerüsteten Gotteskrieger die Provinz überrannten. Eine Lösung? Nicht in Sicht. Afghanistan bleibt eines der gefährlichsten Länder für Journalisten.

Barbara Jung Stellvertretende Leiterin des Ressorts Kultur und Leben des Magazins Focus