Isaac Vuni war da schon einer der bekanntesten südsudanesischen Journalisten, er hatte immer leidenschaftlich für die Sache seines Volkes geschrieben: aller Menschen im Süden des damals so riesigen Sudan, in dem die britischen Kolonialherren einst die arabisch-islamischen Nordsudanesen als Herrscher über die überwiegend christlichen Schwarzafrikaner im Süden installiert hatten. Und wie hatten „die Araber“ das „die Schwarzen“ spüren lassen!

Isaac Vuni hatte auch darüber geschrieben, in den Jahren des Freiheitskampfes der Südsudanesen gegen den Norden. Vor allem aber darüber, wie die „Sudanesische Volksbefreiungsarmee“ (SPLA) für einen eigenen Staat kämpfte; wie Rebellenführer und Zentralregierung in Khartum irgendwann endlich verhandelten und wie sie 2005 nach fast 40 Jahren Krieg tatsächlich Frieden schlossen und einen unabhängigen Südsudan in Aussicht stellten. Die Südsudanesen waren euphorisch. Land in Sicht!

Doch Isaac Vuni war kein Freiheitskämpfer. Er war Journalist.

Er blieb im Süden, wo die einstigen Kämpfer der SPLA in Politik und Verwaltung wechselten, und schrieb weiter, als freier Reporter für die unabhängigen Zeitungen, die endlich nicht mehr vom Norden verfolgt wurden.

Vuni lebte mit seiner Familie in der Provinz Ost-Äquatoria, nahe der Grenze zu Uganda, wo der Krieg die Konflikte zwischen den vielen Völkern der Region lange überlagert hatte. Nun brachen sie im Streit über Land und Macht aus.

Er schrieb auch über gute Nachrichten: 2007 versprach die ugandische Terrorgruppe LRA ihren Rückzug; Hunderttausende Südsudanesen kamen  aus dem Exil heim; die Zentralregierung kündigte das Unabhängigkeitsreferendum für 2011 an.

Weil Isaac Vuni aber Reporter war, schrieb er auch über die Verfehlungen der eigenen Leute, die den neuen Staat teilweise unter sich aufteilten. Er erinnerte an ihre Versprechen, zum Beispiel an eine Frauenquote von einem Viertel, die bei weitem verfehlt wurde.  Er deckte Vetternwirtschaft in staatlichen Bauprojekten auf, sogar Scharmützel mit getöteten Zivilisten.

Die Provinzregierung entzog Vuni die Akkreditierung, ließ ihn festnehmen. Für ihn gingen die optimistischen Jahre im Südsudan zu Ende, ehe dessen Unabhängigkeit kam.

2009 enthüllte er, dass der südsudanesischen Nile Commercial Bank das Geld ausging und dass daran auch zinsfreie Kredite für Mitglieder der Übergangsregierung steckten.

Die Weggefährten der Befreiungsbewegung sahen ihren früheren Chronisten bald als Problem. Zwei Mal wurde Vuni wegen seiner Berichte festgenommen. Danach schrieb er nicht mehr unter seinem Namen.

Zwei Jahre, bevor der Südsudan endlich unabhängig wurde, war Vuni zum Reporter ohne Namen geworden, aus Angst vor den neuen Herrschern, deren Kampf gegen die Unterdrückung er einst begleitet hatte.

Und schon zwei Jahre nach der Staatsgründung endete der Optimismus auch für seine Landsleute.

Die neue Regierung zerbrach entlang der ethnischen Linien, 2013 flammte im Südsudan ein neuer Krieg aus, unter denen, die sich im Kampf gegen den Norden als ein Volk gefühlt hatten. Alle Seiten versuchten, Kritiker mundtot zu machen, und jene, die über ihre Gräueltaten und Unversöhnlichkeit berichteten.

Unter ihnen war jetzt auch Isaac Vuni, ohne Namen, aber weiter prominent.

Im Juni 2016 verschleppten ihn sechs Bewaffnete in Uniformen der Leibgarde des Präsidenten aus seiner Wohnung. Wie seine Frau, seine Kollegen und die Journalistenverbände auch über diesen mutmaßlichen Einschüchterungsversuch protestierten – es gab kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Drei Monate später wurde Isaac Vuni tot auf einer Farm in der Nähe seines Heimatortes gefunden: im September 2016, keine sechs Jahre, nachdem 99 Prozent seiner Landsleute für einen neuen Staat gestimmt hatten, der ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben endlich erfüllen sollte. Der Staat, für den sich Isaac Vuni immer eingesetzt hatte. Es wurde gegründet, doch es gibt ihn bis heute nicht.

Steven Geyer Leiter der DuMont-Hauptstadtredaktion