Letztes Jahr wurden 61 Journalisten getötet. Doch ihre Stimmen verdienen es, weiter gehört zu werden.

Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Schicksal und eine Stimme. Jede Woche kommen weitere hinzu. Navigiere durch die Zahlen um mehr zu erfahren und um den Stimmen wieder Gehör zu verschaffen.

Letztes Jahr wurden 61 Journalisten getötet. Doch ihre Stimmen verdienen es, weiter gehört zu werden.

Zum Tag der Pressefreiheit starten die Berliner Zeitung und die Agentur Havas aus Düsseldorf ein Projekt zur Erinnerung an alle Journalisten, die im Jahr 2016 in Ausübung ihres Berufes getötet wurden.

61 Kollegen kamen ums Leben, 61 Stimmen verstummten, an sie wollen wir in der Zeitung und auf der Online-Plattform „Projekt 61“. erinnern. Um den kritischen Stimmen der verstorbenen Kollegen wieder Gehör zu verschaffen, erheben 61 Redakteure noch einmal die Stimme in deren Sache. Sie schreiben über die Themen, die die getöteten Kollegen beschäftigt haben und über ihr Leben als bedrohte Journalisten.

Zum Auftakt geht das Online Portal zeitung-61.de – zum Tag der Pressefreiheit – mit den ersten drei Beiträgen live. Bis zum Herbst werden auf der Website sukzessive alle weiteren 58 Journalisten gewürdigt. Das Projekt, das auch über die sozialen Medien gespielt wird, soll die Bedeutung der freien Presse in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Die Pressefreiheit ist eines unserer höchsten Güter. Mit unserer Hommage wollen wir den verstorbenen Journalisten unseren großen Respekt für ihren Einsatz zollen und ihren kritischen Stimmen ein wirksames Echo geben. Renommierte Autoren der Berliner Zeitung und weiterer Titel werden ihre Beiträge zur Verfügung stellen.  „In Zeiten weltweiter politischer Unruhen, zunehmender Entdemokratisierung und der Bedrohung der freien Presse ist es wichtig, ein deutliches Zeichen zu setzen“, sagt Andreas Henke, Chief Creative Officer Havas Düsseldorf.

Jochen Arntz Chefredakteur der Berliner Zeitung
Hier zu Artikel 61
Credits: Arvind Yadav/Getty Images

Rajdev Ranjan

Wo immer sich Politik mit dem Verbrechen paart, wird es gefährlich für Journalisten – besonders wenn sie über beides berichten.

So wie Rajdev Ranjan. Im indischen Bundesstaat Bihar arbeitete der studierte Jurist für die Zeitung „Hindustan Daily“. Schon bevor er 2009 die Leitung des Büros in der Provinzhauptstadt Siwan übernahm, hatte Ranjan den Politiker Mohammad Shahabuddin im Visier, der zeitweilig für die Nationale Volkspartei RJD im Parlament saß. Shahabuddin galt nicht nur als starker Mann der RJD in Siwan, sondern auch als Spinne im Netz des Organisierten Verbrechens. Manche nennen ihn den kriminellsten Politiker von ganz Indien. Das Register der Kapitalverbrechen, die dem 50-Jährigen seit Mitte der 1980er Jahre zur Last gelegt werden, ist schier endlos. So wurde er unter anderem wegen Doppelmords zu lebenslanger Haft verurteilt und 2009 von den Parlamentswahlen ausgeschlossen.

Mehrfach veröffentlichte Ranjan Artikel über Shahabuddin. Besonderes Aufsehen erregte ein Bericht aus dem Jahr 2014 über einen Auftragskiller, der nach Erkenntnissen der Polizei eine von Shahabuddin erstellte Todesliste mit mehr als 20 Namen „abarbeitete“. Auch aus dem Gefängnis heraus ließ er weder von seinen Gegnern noch von seinen konspirativen Machenschaften noch von seinen Gegnern ab. Ein Treffen mit einem einflussreichen RJD-Politiker in der Haft machte Ranjan noch einen Monat vor seiner Ermordung öffentlich.

Für Ranjans Witwe Asha Devi steht fest, dass seine unerschrockene Arbeit ihren Mann selber auf Shahabuddins schwarze Liste brachte. Ranjan habe diese gekannt und sogar über die Namen derer geredet, die über seinem eigenen standen und damit in Shahabuddins mörderischer Logik noch größere Priorität hatten. Devi berichtete auch über direkte Drohungen gegen ihren Mann. „Ich bin absolut sicher, dass Shahabuddin hinter Rajdevs Ermordung steht“, sagte der örtliche Parlamentsabgeordnete der regierenden Partei BJP, Om Prakash Yadav, mit dem sich Ranjans Familie nach dem Attentat traf.

Am 13. Mai 2016, so berichteten es später Ranjans Kollegen aus der Redaktion der Hindustan Daily, erhielt ihr Chef einen Anruf, nach dem er es ungewöhnlich eilig hatte. Vermutlich wurde der Journalist so in einen Hinterhalt gelockt. Auf dem Heimweg vom Hauptbahnhof in Siwan schossen ihm seine Mörder vom Motorrad aus mit einer 7,65-Millimeter-Pistole aus geringer Distanz in Kopf und Nacken. Tödlich verwundet, starb der 45-Jährige auf dem Weg ins Krankenhaus.

Der indische Presserat zeigte sich besorgt über die Häufung von Anschlägen auf Medienvertreter und forderte ein Gesetz zum verbesserten Schutz von Journalisten und zur beschleunigten Strafverfolgung von Angriffen auf deren Leib und Leben. Kollegen Ranjans verlangten, die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Auch Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova verurteilte das Verbrechen und verlangte dessen Aufklärung. Kein Verbrechen gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit dürfe ungesühnt bleiben.

Der indische Presserat zeigte sich besorgt über die Häufung von Anschlägen auf Medienvertreter…

Vor wenigen Tagen, am 14. September 2017, nahm die Kolumnistin Asit Manohar vom Nachrichtenmagazin “The Day After” den neuerlichen Mord an einem indischen Journalisten zum Anlass, auch an Ranjans gewaltsamen Tod zu erinnern. „Wir sollten die Behauptung in Frage stellen, Indien sei eine freiheitliche Demokratie.“ Stattdessen sollten die Medien lieber danach fragen, „warum Indien einer der gefährlichsten Orte für Journalisten auf der Welt ist“. In der „Rangliste der Pressefreiheit 2017“ der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ rangiert Indien, die größte Demokratie der Welt, nur auf Platz 138 von 180. Monahor erinnert in ihrem Artikel  zudem daran, dass seit 1992 insgesamt 28 indische Journalisten umgebracht wurden und dass fast alle diese Verbrechen nicht aufgeklärt seien.

In Ranjans Fall immerhin glauben die Behörden inzwischen, nicht nur die Täter zu kennen, sondern auch ihren Hintermann entlarvt zu haben: Ende August beschuldigte die indische Bundespolizei CBI Mohammad Shahabuddin als letzten von insgesamt sieben Verdächtigen des Mordes sowie der kriminellen Verschwörung und des Verstoßes gegen das Waffengesetz. Der Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach für den Tod Rajdev Ranjans verantwortlich ist, war noch im September 2016 auf Entscheidung des Obersten Gerichts von Bihar gegen Kaution freigekommen. Dagegen aber rief unter anderem die indische Bundesregierung den  Obersten Gerichtshof des Landes an. Dieser kassierte das Urteil wenig später. Seitdem sitzt Shahabuddin im Zentralgefängnis Tihar bei Neu Delhi. Am 30. August 2017 wurde sein Einspruch gegen das alte Mordurteil abgelehnt. Nun erwartet ihn ein neuer Prozess. Während Shahabuddins Anwalt die Beweislage nach Angaben der Zeitung „The Indian Express“ für dünn hält, sieht Ranjans Witwe ihn zu Recht unter Mordanklage und sagt:

„Wir glauben fest an die Justiz.“

Joachim Frank Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeiger

Rajdev Ranjan

Hindustan † 13. Mai 2016

Die mediale Berichterstattung über den Mord am indischen Journalisten Rajdev Ranjan war groß in Indien. Sie löste eine Grundsatzdebatte des indischen Presserats über die ungenügende Gesetzeslage zum Schutz von Journalisten nach sich. Ranjan schrieb für die Hindustan Daily, die fünftgrößte Zeitung Indiens und war Chef des Büros in Siwar, im Bundesstaat Bihar. Er war bekannt für seine scharfe Kritik am Politiker Mohammad Shahabuddin, Parlamentsmitglied für die Nationale Volkspartei RJD. Er ließ Ranjan von einem Auftragsmörder töten. Nach langen Ermittlungen schließlich wurde Shahabuddin Ende August zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Abdiaziz Mohamed Ali

picture alliance / Ap Photo

Am 27. September 2016 war Abdiaziz Mohamed Ali in der somalischen Hauptstadt Mogadishu unterwegs, um seine Eltern zu besuchen. Plötzlich brauste ein Motorrad heran, auf dessen Sozius ein Mann eine Waffe zog und den Journalisten mit mehreren Schüssen niederstreckte. Augenzeugen sprachen von Bilder wie bei einer Exekution.

Die Täter konnten unerkannt entkommen. Abdiaziz Mohamed Ali war Moderator im Morgenprogramm von Radio Shabelle, einem unabhängigen privaten Radiosender in Mogadischu, der zu den angesehensten Medien in Somalia zählt. Das ostafrikanische Land ist einer der gefährlichsten Plätze für Journalisten weltweit. Es rangiert auf Platz 167 von 180 auf dem von Reporter ohne Grenzen geführten Index über die Pressefreiheit. In dem von Angriffen islamistischer Banden und von Regionalkonflikten erschütterten Somalia gehören Morde an Journalisten fast zum Tagesgeschehen. Dennoch erregte der Anschlag auf Abdiaziz Mohamed Ali internationale Aufmerksamkeit, ein Zeichen dafür, dass der Kampf für die Pressefreiheit nirgendwo aufgegeben wird. Der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Somalia, Michael Keating, verurteilte die Tat mit starken Worten. Er forderte die Behörden auf, keine Mühe zu scheuen, um die Mörder zu finden und zur Verantwortung zu ziehen.

Keating beschrieb Ali als einen „neugierigen, erfahrenen und einfallsreichen Journalisten“, der auch regelmäßig über die Pressekonferenzen der internationalen Organisationen in Mogadischu berichtet habe. Sein Tod bedeute einen großen Verlust nicht nur für seine Familie und seine Freunde, sondern auch  für den Journalismus in dem Land. Der Besitzer von Radio Shabelle, Abdimalik Yusuf Mohamud, nannte Ali einen professionellen Journalisten, der sich seiner Arbeit verschrieben hatte. Er wisse nicht, warum ausgerechnet er Ziel der Mörder geworden sei. Niemand habe sich zu der Tat bekannt.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen appellierte an die Behörden, die Mittel für eine zügige Aufklärung des Verbrechens zu Verfügung zu stellen und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Die Tatenlosigkeit in solchen Fällen ermutige die Feinde der Journalisten. Es sei daher entscheidend, dass die somalische Regierung ungeachtet ihrer beschränkten Möglichkeiten  glaubwürdige Maßnahmen ergreife, solche Verbrechen aufzuklären und zu zeigen, dass sie diese Art von Kriminalität nicht toleriere.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen appellierte an die Behören … die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen

Doch auch dieser Appell blieb offenkundig folgenlos. Fast genau ein Jahr nach dem Mord gibt es weder Hinweise auf die Täter noch auf ihre Motive. Es ist bekannt, dass die somalischen Behörden, soweit sie überhaupt arbeitsfähig sind, Anschlägen auf Medien selten nachgehen. Radio Shabelle, das 2002 von einer Gruppe junger Intellektueller gegründet wurde, war selbst schon Ziel von Übergriffen der Regierung. Die Behörden legten den Sender mehrfach still und verhafteten seine Mitarbeiter. Die größten Feinde der Journalisten aber sind islamistische Terroristen, die Krieg gegen freie Medien und ihre Mitarbeiter führen. Seit 2006 sind allein zehn Mitarbeiter von Radio Shabelle ermordet worden, darunter drei seiner Direktoren. Ali war schon der zweite ermordete somalische Journalist im Jahr 2016. Im Juni erschossen unbekannte Täter Sagal Salad Osman, die für das staatliche Radio Mogadischu gearbeitet hat. Nach Angaben der UN-Mission für Somalia UNSOM sind seit August 2012 mindestens 31 somalische Journalisten getötet worden. Auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte beschreibt die Lage in dem Land in einem Bericht als ein besonders gefährliches Umfeld für Journalisten und andere Medienmitarbeiter.

Dass Abdiaziz Mohamed Ali unter diesen Bedingungen weiter an die Bedeutung seines Berufs für den Aufbau eines demokratischen Somalia geglaubt hat, zeigt, wie mutig er war. Er ist nur 35 Jahre alt geworden. Er bleibt unvergessen.

Holger Schmale DuMont Hauptstadtredaktion

Abdiaziz Mohamed Ali

Radio Shabelle † 27. September 2016

Abdiaziz Mohamed Ali Gerade einmal 35 Jahre alt wurde der somalische Radioreporter Abdiaziz Mohamed Ali. Er arbeitete für den unabhängigen Sender Radio Shabelle in der Hauptstadt Mogadischu und war verantwortlich für das Morgenprogramm. Mit mehreren Schüssen wurde er von einem Motorrad aus niedergestreckt. Da die Aufklärungsrate für Morde an Journalisten äußerst gering in Somalia ist, wurden Alis Mörder selbst nach über einem Jahr nie gefasst. Abdiaziz Mohamed Ali ist nach Sagal Salad Osman der zweite in jenem Jahr ermordete somalische Journalist. (picture alliance / Ap Photo)

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Bildnachweis: YASIN AKGUL / Freier Fotograf

Majd al Dairani

Er hat seinen eigenen Tod gefilmt. Der junge Reporter Majd al-Dairani geriet am 19. Februar 2016 direkt in die Schusslinie des syrischen Panzers, den Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) in der Darayya, einer Vorstadt von Damaskus, während eines Gefechts attackierten. „Der Tank wurde getroffen“, hört man al-Dairani sagen.

Auf dem Video ist dann zu sehen, wie der Panzerschütze das Rohr in seine Richtung dreht und auf das Haus feuert, in dem al-Dairani Schutz suchte. So hat es sein Kollege Sultan al-Shami dem New-York-basierten internationalen Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) berichtet.

Al-Shami sagte auch, dass seine Gruppe den Leichnam ihres Kollegen bergen konnte, nachdem der Panzer weggefahren war. Dabei fanden sie auf dem Chip seiner Kamera die Videos, die er kurz vor seinem Tod aufgenommen hatte. Majd al-Dairani war erst 21 Jahre alt. Die beiden jungen Syrer hatten das Darayya Media Center fünf Jahre zuvor gegründet, um die Rebellion gegen das Regime des Diktators Baschar al-Assad und dessen Verbrechen zu dokumentieren.

Al-Dairani nahm bereits zu Beginn des syrischen Aufstands 2011 an den friedlichen Demonstrationen gegen das Regime teil. Damals begann er, die Ereignisse mit der Kamera zu dokumentieren und in den sozialen Medien zu verbreiten. Nach der Gründung der Mediengruppe machte er sich schnell einen Namen mit seinen Fotos und Videos aus Darayya, einem Ort, in den keine ausländischen Medienvertreter kamen, weil es zu gefährlich war. Gleichzeitig begann er ein Studium als Computeringenieur an der Universität von Damaskus, das er wegen des Bürgerkriegs aber aufgeben musste.

Als das Regime im Herbst 2015 begann, Darayya massiv unter Beschuss zu nehmen, sandte Majd al-Fairani Bilder an die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu, die ihn im Dezember des Jahres als freien Mitarbeiter aufnahm. „Wir nannten ihn ‚unsere Augen in Darayya‘“, sagte der Syrien-Korrespondent der Agentur, Mohammed Misto, und bezeichnete ihn „ein Beispiel für Moral, Mut und Ehre“.

Immer wieder dokumentierte der unerschrockene junge Reporter die Luftangriffe des Assad-Regime auf Darayya mit Tausenden Fassbomben, die etwa 80 Prozent der Stadt in Schutt und Asche legten. Er schickte auch Aufnahmen der brutalen Straßenkämpfe und des Leidens der Menschen in der eingeschlossenen Ortschaft. Berühmt wurden seine Fotos von Antikriegs-Graffitis auf den Trümmern der zerstörten Stadt. Hunderte Videos veröffentlichte er in seinem Facebook-Account, darunter von einem Fassbombenangriff, bei dem sein Gehör schweren Schaden erlitt. Ohne ihn, den seine Kollegen „das eiserne Herz“ nannten, hätte die Welt wenig über die Tragödie Darayyas erfahren.

„Wir nannten ihn ‚unsere Augen in Darayya‘“

Die Stadt Darayya südwestlich von Damaskus war einer der ersten Brennpunkte des Aufstands gegen Assad und wurde seit 2012 von der syrischen Armee belagert. Im August 2012 drangen Regimetruppen in die Stadt ein und verübten eines der schrecklichsten Massaker des Bürgerkriegs mit bis zu 320 Toten. 2015 und 2016 wurden besonders viele Fassbomben abgeworfen; die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach Angaben arabischer Medien flüchteten bis Januar 2016 rund 90 Prozent der einst 100.000 Einwohner. Damals nahmen auch die Straßengefechte zu, weil die syrische Armee den Belagerungsring immer enger zog. Als keine Hilfslieferungen sie mehr erreichten, gaben die FSA-Kämpfer am 25. August 2016 auf und verließen Darayya nach der Zusicherung freien Geleits.

Die brutalen Kämpfe, den Hunger, das Leiden und den Tod in Darayya haben Majd al-Deirani und seine Kollegen bis zum Schluss unter Lebensgefahr dokumentiert. Es gab kaum Elektrizität; Kameras mussten in die belagerte Stadt hineingeschmuggelt werden, Videos und Fotos nach außen. Das Medienzentrum wurde gezielt bombardiert, mehrere Mitarbeiter von Regimetruppen festgenommen und gefoltert, zwei weitere Kollegen während ihrer Arbeit getötet. Nach dem Tod Majd al-Dairanis veröffentlichten seine Kollegen auf ihrer Webseite ein Foto von ihm, das seinen leblosen Körper im weißen Leichentuch mit seiner geliebten Kamera zeigte.

Frank Nordhausen Foreign Correspondent

Majd Al Dairani

Journalist, Nachrichtenagentur Anadolu und Fotograf, Darraya Media Center † 19. Februar 2016

Majd al Dairani wurde am 19. Februar 2016 durch eine Granate eines syrischen Panzers getötet, als er gerade die Bombardierung von Daraya filmte. Daraya ist ein Vorort von Damaskus, in dem Majid Dirani Mitbegründer des lokalen Media Centers war. Von hier aus berichteten er und seine Kollegen seit dem Aufstand in Syrien von 2011. Majid Dirani arbeitete außerdem seit 2015 als Freelancer für die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Sein älterer Bruder Majeed wurde bereits 2013 bei den Kämpfen in Daraya getötet.

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picture alliance / AP Photo

Mohammed Zahir al-Sherqat

„…Sie sind ein Merkmal der Ehre, ein Dienst an der Öffentlichkeit.“

Mohammed Zahir al-Sherqat läuft an einem Sonntagabend im April 2016 durch eine belebte Straße in der Nähe seiner Wohnung in der türkischen Großstadt Gaziantep in Südostanatolien. Der maskierte Täter nähert sich ihm unbemerkt von hinten und schießt ihm aus nächster Nähe in den Nacken. Sherkat bricht zusammen. Es gibt ein Video der Tat, aufgenommen von der Überwachungskamera in einem Lebensmittelgeschäft. Es zeigt, wie der Täter nach dem Schuss umkehrt und im Verkehrsgewühl verschwindet.

Kurz darauf reklamiert die Terroristenorganisation IS, einer ihrer Kämpfer habe den Anschlag verübt. Es ist ein Mord, denn zwei Tage später stirbt Mohammed Zahir al-Sherqat an den Folgen seiner Verletzungen in einem Krankenhaus von Gaziantep, das in der Nähe der syrischen Grenze liegt. Er hinterlässt seine Frau und einen kleinen Sohn.

Sherqat war Syrer, und er war hier ein bekannter Mann. Er arbeitete als Moderator für den Fernsehsender Halab TV Today, eine Stimme der syrischen Opposition gegen das Regime von Baschar al-Assad. In Gaziantep, das die Einwohner gern nur Antep nennen, leben viele syrische Flüchtlinge. Hier wohnten neben Türken und Kurden immer schon viele Araber, und es ist ein relativ sicherer Rückzugsort für Oppositionelle aus dem Nachbarland. Wie relativ die Sicherheit ist, zeigt der Anschlag auf Sherqat, der nicht der erste war, dem in der Türkei syrische Journalisten zum Opfer gefallen sind. Nach Auskunft von Freunden erhielt Sherqat Morddrohungen vom IS, weil er in seinen Programmen Stellung gegen die Terrormiliz bezog.

Er war 2015 aus seiner Heimatstadt Al-Bab in die Türkei geflohen, nachdem er dort schon einen Mordanschlag überlebt hatte. Mohammed Zair al-Sherqat war eigentlich ein muslimischer Imam, der an der Universität von Damaskus islamisches Recht studiert hatte. Als 2011 die Proteste gegen das syrische Regime begannen, gehörte er zu den Gründern der Opposition in Al-Bab und war einer der Organisatoren der Demonstrationen in der Stadt. Später schloss er sich einer Kampfbrigade an, die mit der Freien Syrischen Armee gegen Assad kämpfte. Als dann aber Anhänger von Extremistengruppen wie Al Nusra und IS in Al-Bab auftauchten, nahmen er und seine Freunde sie ins Visier. Die Flucht in die Türkei war dann erst einmal seine Rettung. Hier setzte er den Kampf nicht mehr mit der Waffe, sondern mit journalistischen Mitteln bei Halab TV Today fort.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen hat die türkische Regierung nach dem Anschlag und vorherigen tödlichen Angriffen auf Medienvertreter aufgerufen, mehr für den Schutz der syrischen Journalisten in dem Land zu tun. Es gebe viele „Schläfer“ des IS in der Türkei, die speziell auf freiheitliche Journalisten aus Syrien angesetzt würden, weil diese ein wahres Bild vom Terror des IS verbreiten würden, berichteten Freunde von Sherqat. Sie fühlten sich von den türkischen Behörden zu wenig geschützt und würden eher noch behindert. Die Ermittlungen nach dem Mörder des Moderators seien im Sande verlaufen.

Es gebe viele „Schläfer“ des IS in der Türkei, die speziell auf freiheitliche Journalisten aus Syrien angesetzt würden

Wie ernst auch die damalige Regierung der USA die Lage der syrischen Journalisten einschätzte, zeigt eine Erklärung des US-Außenministeriums nach dem Mord an Sherqat. Die USA verurteilten den feigen Anschlag auf den mutigen Journalisten, der immer wieder die Heuchelei des IS entlarvt habe. Die Tat sei ein Alarmzeichen, und die USA würden die Türkei bei ihren Bemühungen unterstützen, die Verantwortlichen zu finden. Die Freiheit und Sicherheit von Journalisten sei von entscheidender Bedeutung, um die Verbrechen des IS aufzudecken.

Die Erklärung endete mit einem Zitat des damaligen US-Außenministers John Kerry: „Wir müssen gegen jene aufstehen, die versuchen, Journalisten einzuschüchtern und einzusperren. Wir müssen laut und deutlich sagen, dass Journalismus, das Berichten der Wahrheit keine Verbrechen sind. Sie sind ein Merkmal der Ehre, ein Dienst an der Öffentlichkeit.“ Das waren offenkundig auch an die Adresse der Türkei gerichtete Worte – wie man sie von der heutigen US-Regierung kaum hören wird.

Holger Schmale Autor

Mohammed Zahir al-Sherqat

Syrischer Journalist und TV Moderator (Halab Today TV) † 12. April 2016

Der Syrer Mohammed Zahir al-Sherqat war entschlossener Gegner des syrischen Regimes. Er selbst führte zu Beginn der Revolution 2011 eine oppositionelle Bewegung in seiner Heimatstadt Al-Bab an, 20 km entfernt von Aleppo. Später arbeitete er als Moderator für Halab Today TV. Morddrohungen und ein überlebter Anschlag veranlassten ihn 2015 schließlich zur Flucht in die Türkei – wie viele Oppositionelle. Dem zweiten Mordversuch ein Jahr später entkam er nicht. Die Terrororganisation ISIS bekannte sich dazu. (picture alliance / AP Photo) (Barry Abdullatif/AP/File)

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Dennis Otieno

Photo credit should read SIMON MAINA/AFP/Getty Images

Für ihn kam die große Demonstration der kenianischen Journalisten einen Tag zu spät. Genauer gesagt nur wenige Stunden zu spät. Der Fotograf Dennis Otieno wurde kurz vor der Protestkundgebung gegen die permanente Bedrohung der Medienschaffenden in seinem Haus in Kitale vor den Augen seiner Frau erschossen. Otieno wurde 26 Jahre alt, er starb durch die Kugeln eines AK-47-Gewehrs . Er hatte keine Chance.

Zwei Kugeln verfehlten ihn, erinnert sich seine Frau, eine dritte traf ihn tödlich. Die Mörder kamen auf einem Motorrad, um elf Uhr in der Nacht. Otienos Frau stand vor dem Haus und wollte Wasser holen, als sie die Männer sah, sie zwangen sie, mit ihnen ins Haus zu gehen. „Sie sagten mir, dass ich bloß nicht schreien sollte, als wir im Haus waren“, erinnert sich seine Frau. „Sie wollten ihn zwingen, ihnen ein bestimmtes Foto zu geben.“ Er weigerte sich, versuchte noch, sich zu verteidigen, es gelang ihm nicht. Die Mörder griffen auch Otienos Frau an, sie überlebte. Sie ist davon überzeugt, dass die Täter dieses Foto haben wollte, von dem sie nicht wusste, was es zeigte.

Vielleicht hatte Otieno, der freie Fotograf, etwas gesehen, was er nicht sehen sollte. Es gab Berichte darüber, dass Otieno Polizisten fotografiert hatte, die an einer Bushaltestelle einen Motorradtaxi-Fahrer erschossen hatten. Bewiesen ist das nicht. Aber immer wieder waren kenianische Sicherheitskräfte an Anschlägen auf Journalisten beteiligt.

Am Ende wurde das Verbrechen an Otieno zu einem Raubmord, denn die Täter stahlen Handys, ein Fernsehgerät, eine Kamera und Bargeld aus Otienos Haus. Bis heute gibt es aber die Vermutung, dass diese Diebstähle, der Raub, nur inszeniert wurden, um vom eigentlichen Grund des Attentats – der Suche nach dem Foto – abzulenken. Kenianische Fotografen waren für die Sicherheitsleute von Politikern längst zu Freiwild geworden. Viele von ihnen sind von Security-Männern zusammengeschlagen worden, nur weil sie ihrer Arbeit nachgingen und Fotos von Politikern des Landes machten.

Vielleicht hatte Otieno, der freie Fotograf, etwas gesehen, was er nicht sehen sollte.

Dennis Otieno, der viel zu früh starb, wurde zu einer Symbolfigur für die Gewalt gegen Journalisten in Kenia in den Jahren 2015 und 2016. Eine Gewalt, die viel zu selten gesühnt wurde. Denn auch das war das Ziel der großen Demonstration in Nairobi am Tag nach Otienos Tod: darauf aufmerksam zu machen, dass die meisten dieser Fälle von Gewalt gegen Journalisten nie aufgeklärt worden sind. „Die Attacken auf Journalisten müssen aufhören. Wir müssen klar machen, dass niemand, der einen Journalisten angreift, einfach so davon kommen wird“, sagte einer der Organisatoren der Demonstration, David Owina, im Interview mit kenianischen Zeitungen. Auch die kenianischen Journalisten-Gewerkschaften haben wieder und wieder gefordert, dass die ungelösten Fälle aufgeklärt werden müssen. Die Unesco hat dazu erschütternde Zahlen: Nur fünf der 131 Fälle von ermordeten Journalisten in Afrika zwischen 2005 und 2016 wurden überhaupt aufgeklärt.

Dennis Otieno kann nicht mehr zeigen, wie er Kenia mit seiner Kamera sah, aber sein Name ist geblieben, auch in den sozialen Netzwerken wie Twitter, wo der Hashtag #DennisOtieno noch Wochen nach seinem Tod „trending“ war, genau wie #JournalistsUnderSiege mit dem die kenianischen Journalisten nach der großen Demonstration ihre Erfahrungen teilten. Noch heute lässt sich dort auf Twitter nachlesen, was für ein gefährliches Jahr das Jahr 2016 für Dennis Otieno und seine Kollegen war. Und es nicht besser geworden.

Jochen Arntz Chefredakteur Berliner Zeitung

Dennis Otienno

freier Fotojournalist † Ermordet am 7. September 2016

Weniger als vier Prozent der Morde an Journalisten in Kenia wurden seit 2005 aufgeklärt. Dennis Otieno gehört zu den restlichen 96. Der Kenianer arbeitete freiberuflich als Fotograf in Kitale im Westen des Landes. Ein Foto mit bis heute unbekanntem Motiv veranlasste seine Mörder, ihn zu töten, nachdem er ihnen das Bild nicht aushändigen wollte. Laut Aussage von Otienos Frau befand sich auch einer seiner engsten Freunde darunter.

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EDUARDO SOTERAS/AFP/Getty Images

Die Mörder kommen mitten in der Nacht…

…und kennen kein Erbarmen.

Die nächtliche Ausgangssperre, die erst kurz zuvor noch einmal um eine Stunde ausgeweitet worden ist, hält sie ebenso wenig von ihrer Tat ab wie die Tatsache, dass sie vor Zeugen geschieht. Es ist noch dunkel an diesem frühen Dienstagmorgen in Mbuji Mayi als Marcel Lubala stirbt. Es ist der 15. November 2016.

Es ist noch immer nicht sicher in den Straßen von Mbuji Mayi, der Zwei-Millionen -Stadt in der Provinz Kasai im Landesinneren der Demokratischen Republik Kongo, vor allem nachts. Das Land steckt in einer der schlimmsten Krisen seit Jahrzehnten.  Im November 2016 beginnt  eine besonders instabile Phase. Die Amtszeit von Präsident Joseph Kabila endet in diesen Wochen, doch er hat verkündet, dass er weiter im Amt bleiben will. Selbst nach der Wahl, die erst einmal auf das Jahr 2018 verschoben wurde.

Das Land steckt in einer der schlimmsten Krisen seit Jahrzehnten.

Seit Jahren sind Uno-Soldaten im Land stationiert, um ein Minimum an Stabilität zu sichern. Vergebens. Obwohl das Land reich an Rohstoffen ist, herrscht Armut – als Folge jahrzehntelanger Korruption und Unruhen.

Tausende Menschen wurden in den vergangenen Monaten in der südlichen Provinz Kasai bei Kämpfen getötet. Die Ausgangssperre gilt jetzt von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens. Die Männer, die nachts in Marcel Lubalas  Haus eindringen müssen offenbar nichts befürchten. Sie tragen Militäruniformen. So sagen es Zeugen später aus.

Ob der Mord an Marcel Lubala etwas mit diesem politischen Vakuum zu tun hat, ist unklar. Der 59-Jährige arbeitet seit 15 Jahren für den staatlichen Radio- und Fernsehsender RTNC (Radio télévision nationale congolaise) und produziert dort  Umwelt- und Gesundheitsthemen.

Klar ist jedenfalls: Der Journalist ist  kein Zufallsopfer. Die Mörder kommen gezielt in sein Haus. Sie verschaffen sich Zutritt, indem sie die Tür aufbrechen, fesseln seine Frau. Seine Kinder müssen alles mit ansehen. Lubala selbst gelingt es im Handgemenge offenbar, sich  loszureißen. Doch bevor er sich auf dem Nachbargrundstück in Sicherheit bringen kann, strecken ihn drei Schüsse nieder. Einer davon trifft ihn im Nacken. Danach schleppen sie die Leiche  ins Haus und hinterlassen eine Nachricht:  „Endlich haben wir ihn.“

Marcel Lubala ist der 14 Journalist in zehn Jahren in der Republik Kongo, der gewaltsam zu Tode kommt. Journalisten sind häufig Angriffen, Einschüchterungen und auch offenen Drohungen ausgesetzt, berichtet die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG). Immer wieder werden Reporter von Geheimdienst festgenommen und wochen- oder monatelang ohne Richterbeschluss festgehalten.

Klar ist jedenfalls: Der Journalist ist  kein Zufallsopfer.

Auch Marcel Lubala ist am Tag vor seiner Ermordung im Büro des Nachrichtendienstes  ANR (Agence nationale de renseignement) gewesen. Ob er auf eigene Initiative hinging oder weil er hinbestellt worden war, ist unklar. In den Berichten nach seiner Ermordung  heißt es, es sei um eine  „Familienangelegenheit“ gegangen.

Laut ROG bleiben Morde an Journalisten oft unbestraft. Nach dem Tod von Lubala werden angeblich mehrere Männer festgenommen. Ob sie vor Gericht gestellt wurden, ist unklar. Für die unabhängige Organisation „Journalisten en danger“ (JED, zu deutsch: Journalisten in Gefahr) besteht kein Zweifel daran, dass Lubala das Opfer einer gezielten Abrechnung wurde. Sie fordern nach dem Attentat, dass eine Kommission eingesetzt wird, die den Mord untersucht. Zwei Tage später legen seine Kollegen die Arbeit nieder, sie rufen einen „Tag ohne Presse“ aus und fordern auf einer Kundgebung die Aufklärung der Umstände der Tat. Dies ist bis heute nicht erfolgt.

Christine Dankbar Meinung, Berliner Zeitung

Marcel Lubala

Radio télévision nationale congolaise (RTNC) † 15. November 2016

Der 59-jährige Marcel Lubala arbeitete für das staatliche Radio und Fernsehen RTNC in Mbuji Mayi, der drittgrößten Stadt der Demokratischen Republik Kongo. Lubala wurde auf brutale Art und Weise vor den Augen seiner Kinder und Frau getötet. Bürgerrechtler verurteilten die Tat, denn sie ereignete sich während der nächtlichen Ausgangssperre – eine Zeit, in der Sicherheitskräfte die Straßen sicher halten sollten. Doch die Täter trugen offenbar Militäruniformen und konnten sich so Zugang zu Lubalas Haus verschaffen. Der Mord wurde nie vollständig aufgeklärt.

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Jugend auf Leben und Tod

Jose CABEZAS/AFP/Getty Images

Jung zu sein in einem Land wie El Salvador bedeutet, dem Tod nah zu sein. Es bedeutet, dass man sich seine Zukunft gegen die grausame Gegegenwart erkämpfen muss. Es bedeutet, sich zu entscheiden: zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, zwischen Menschlichkeit und dem gnadenlosen Recht des Stärkeren.

Nicolás Humberto García hatte sich früh entschieden.

Er war 13, als er an einem Anti-Gewalt-Programm teilnahm, das ihn zu dem lokalen Radio Expressa in Tacuba führte. Die Station gehört zu einem Netzwerk aus 22 kleinen Sendern, das sich dem Aufbau der Zivilgesellschaft in dem geschundenen Land verpflichtet sieht. „Wir müssen der Welt zeigen, dass nicht jedes junge Leben in El Salvador mit einem gewaltsamen Tod endet“, beschreibt Albert Riviera, ein Kollege Garcías aus La Libertad, den Idealismus der Radiomacher. Nicolás Humberto García, dieser fröhliche, engagierte junge Mann, hatte es zuletzt bis zum Direktor von Radio Expressa gebracht. Dann holte auch ihn ein, was wie als Fluch über dem kleinsten zentralamerikanischen Staat liegt: das brutale Erbe eines Bürgerkrieges, der von 1980 bis 1991 rund 70.000 Tote forderte, Unmengen von Waffen und noch mehr zerstörte Menschen und Familien hinterließ. Am frühen Abend des 10. März 2016 fand man Garcías Leiche auf der Straße seines Wohnortes El Carrizal. Sein Körper war von Macheten-Hieben und Schüssen entstellt. Er wurde nur 23 Jahre alt.

Sieben Millionen Menschen leben in El Salvador, das gerade mal so groß wie Hessen ist. Ein vergleichsweise dichtbesiedeltes Land, auch von der Gewalt. Das Jahr 2015 zählte 6657 Mordopfer, allein in den drei Tagen vom 16. Bis 18. August registrierte man 125 Taten. Mehr als 50 Prozent aller Opfer waren zwischen 15 und 29 Jahren alt. Die Statistiker errechnen aus all diesem Blut eine bittere Bilanz: El Salvador weist weltweit die höchste Zahl gewaltsamer Tötungen auf – 105 Opfer pro 100.000 Einwohner. Global sind es 6,2 Opfer pro 100.000 Einwohner.

…das brutale Erbe eines Bürgerkrieges, der von 1980 bis 1991 rund 70.000 Tote forderte…

Die Generation Nicolás Humberto Garcías gilt als verlorene. Der Stellvertreter-Bürgerkrieg der Großmächte hinterließ verwüstete Seelen und Strukturen. Wer dort hineingeboren wurde, sucht vielfach Halt, Identität und wirtschaftliche Sicherheit in Gangs. Zwei große Banden beherrschen das Land: die MS-13 und die rivalisierende M-18. Letzterer sollen rund 25.000 Kinder und Jugendliche angehören, insgesamt schätzt man die Zahl der Gang-Mitglieder auf 60.000. Sie handeln mit Drogen, erpressen Schutzgeld, verüben Überfälle. Und sie bekriegen sich gnadenlos. Allein zwischen Januar und August 2015 starben 300 Bandenmitglieder.

Dieser Hölle etwas entgegen zu setzen, war Garcia angetreten. Die vielen Radio-Stationen El Salvadors, oft hervorgegangen aus Piratensendern des Bürgerkrieges, sind eine mächtige Stimme, besonders in ländlichen Gegenden, in denen es noch weniger staatliche Strukturen als in den Großstädten gibt. Journalismus bringt hier tatsächlich Menschen zusammen, er stiftet Identität und Gemeinsinn. Garcia brachte es zu einer lokalen Berühmtheit. Er spielte zeitgenössische Musik, informierte über Menschenrechte und Religion und ließ auch Anti-Gewalt-Experten der Polizei zu Wort kommen. Was er entschieden ablehnte, war, Sendezeit für die Gangs zur Verfügung zu stellen. Diese Kompromisslosigkeit gegenüber der kriminellen Anarchie, das wusste Garcia nach zahlreichen Drohungen, kann in El Salvador das Leben kosten.

Trotzdem hatte er sich entschieden, diesen Weg zu gehen. Sarraffin Valencia, Vorsitzender der Journalisten-Vereinigung von El Salvador, sagt, dass viele Reporter von lokalen Radio-Stationen solchen Drohungen ausgesetzt sind. Es scheint eine existentielle Frage zu sein. Wer sich für die Mitgliedschaft in einer Gang entscheidet, ist im Schnitt 15 Jahre alt. Wer sich auf die andere Seite schlägt und bei einem der Lokal-Radios anfängt, ist ebenfalls meist 15. Weichenstellungen auf Leben und Tod noch bevor der erste Bart wächst.

Am 21. Oktober teilte der Generalstaatsanwalt von El Salvador mit, dass vier Bandenmitglieder, die an der Ermordung Garcías beteiligt waren, zu jeweils 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Das Motiv sei die Weigerung des Journalisten gewesen, ihrer Gang beizutreten.

Elmar Jehn Chefredakteur Berliner Kurier

Nicolás Humberto García

Radio Expressa, voces al aire † 10. März 2016

Nicolás Humberto García, der Direktor der lokalen Radiostation Expressa in Tacuba wurde mit 23 Jahren ermordet. Zehn Jahre zuvor hat er dort angefangen zu arbeiten und es bis ganz an die Spitze geschafft. Für seinen Mord gab es drei Motive: Erstens wollte er keiner kriminellen Bande angehören, zweitens verbot er diesen sogar, den Sender zu nutzen, erlaubte es dafür aber – drittens – der Polizei, ihr Anti-Gewalt-Programm zu bewerben. Das Land El Salvador („Der Erlöser“) ist gezeichnet von gewaltsamen Tötungen – weltweit rangiert es auf Platz 1.

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„Im Paradies“

Am 25. September 2016 hat Nahed Hattar einen Gerichtstermin. Auf der breiten Steintreppe vor dem Justizpalast in Jordaniens Hauptstadt Amman tritt ihm ein bärtiger Mann entgegen und zieht eine Pistole. Mit drei Schüssen streckt er den in Jordanien populären Karikaturisten zu Boden. Er stirbt noch am Ort, während der Täter von den vor dem Gericht postierten Polizisten festgenommen wird.

Am 25. September 2016 hat Nahed Hattar einen Gerichtstermin. Auf der breiten Steintreppe vor dem Justizpalast in Jordaniens Hauptstadt Amman tritt ihm ein bärtiger Mann entgegen und zieht eine Pistole. Mit drei Schüssen streckt er den in Jordanien populären Karikaturisten zu Boden. Er stirbt noch am Ort, während der Täter von den vor dem Gericht postierten Polizisten festgenommen wird.

Die Vernehmung des früheren sunnitischen Imams ergibt, dass er den Mordanschlag aus dem gleichen Grund verübt hat, aus dem Nahed Hattar vor Gericht erscheinen sollte. Es ging um eine gegen die Terrororganisation IS gerichtete Karikatur, die er auf seiner Facebookseite veröffentlicht hatte. Sie trägt den Titel „Im Paradies“ und zeigt einen IS-Kämpfer, der mit zwei Jungfrauen im Bett liegt, wie sie islamistischen Märtyrern versprochen werden. Gott, kenntlich gemacht durch weißen Bart und goldene Krone, späht ins Zelt und fragt, ob dem IS-Kämpfer noch etwas fehle. Der bittet um Wein und Cashewnüsse, heranzubringen vom Erzengel Gabriel. Zudem, ergänzt er frech, sollten sich Besucher – also auch Allah – doch künftig bequemen, erst anzuklopfen. Die jordanische Staatsanwaltschaft bewertet das polemische Werk als „Beleidigung des Islam und Anstiftung zu konfessionellem Zwist“, nimmt Hattar Mitte August fest und klagt ihn an. Der bewaffnete Angreifer aber nutzt diesen Temin, um selber über den Karikaturisten zu richten.

Im Vergleich zu vielen arabischen Staaten in der Nachbarschaft Jordaniens geht es in dem Königreich relativ friedlich zu. Politische Morde sind hier selten, trotzdem musste Hattar auf der Hut sein. Er hatte mehrere öffentliche Todesdrohungen aus dem islamistischen Milieu erhalten, wo er nicht nur wegen seiner entschiedenen Gegnerschaft zum IS verhasst war. Er stammte aus einer christlichen Familie, verstand sich aber als Atheist und war in Jordanien als Kämpfer für die Meinungsfreiheit und für linke Ideen bekannt. Aber er war auch ein Anhänger des syrischen Präsidenten Bashar al-Asad, was ihm auch Misstrauen gemäßigter Gegner dieses Despoten eintrug. Doch die Notwendigkeit, sich in die Obhut von Personenschützern zu begeben, erkannte Hattar nicht. Und er duckte sich auch nicht weg, im Gegenteil: Seine letzte Karikatur war gewiss eine der respektlosesten, die er gezeichnet hat. Dass sich ein Mann mit christlichem familiärem Background und guten Beziehungen zum Alewiten Assad so über Allah lustig macht, mag für devote Muslime schwer zu ertragen sein, wie auch die Anklage der Staatsanwaltschaft zeigt. Man kann den Mord an ihm also als Teil der für Beobachter aus dem Westen schwer zu durchschauenden Religionskriege um Macht und Einfluss im Nahen Osten verstehen.

 Politische Morde sind hier selten, trotzdem musste Hattar auf der Hut sein.

Im Kern aber ist hier ein Mann ermordet worden, der mit seiner journalistischen Arbeit für die Meinungsfreiheit eingetreten ist. Die Tat steht in einer Reihe mit den Morden an den Mitarbeitern des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo wenige Monate zuvor. Während sie weltweite Empörung ausgelöst haben, ist der Anschlag auf Nahed Hattar in Europa kaum wahrgenommen worden. Aber sind solch mörderische Angriffe auf die Meinungs- und Pressefreiheit nicht immer und überall gleichermaßen schwerwiegend und zu verurteilen? Immerhin hat die jordanische Justiz den Mord gesühnt. Der Täter ist verurteilt und im März 2017 hingerichtet worden.

Holger Schmale Schreibt für Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Kölner Stadt-Anzeiger, Mitteldeutsche Zeitung, Weser-Kurier

Nahed Hattar

Autor, und Journalist † 5. Juni 2016

Nahed Hattar war jordanischer Journalist, Schriftsteller, Karikaturist und politischer Aktivist. Er stammte aus einer katholischen Familie, war selbst allerdings nicht gläubig. Im Laufe seiner Zeit wurde er als scharfer Islam-Kritiker bekannt, der sich bereits mehrfach vor Gericht verantworten musste. So auch an seinem Todestag: auf dem Weg zu einer Anhörung tötete ein Extremist den 56-jährigen mit Pistolenschüssen aus nächster Nähe. Der Mord erschüttert das Land. Denn normalerweise gilt Jordanien als eines der sichersten Länder im Nahen Osten. (Photo Credit: picture alliance / dpa)

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David Gilkey

Von seiner letzten Reise ist er nicht mehr zurückgekommen… David Gilkey erlitt das gleiche Schicksal wie Menschen, die er sterbend fotografiert hat.

David Gilkey ist noch da. Gibt man seinen Namen im Internet ein, erscheinen seine Bilder: Die Leiche eines dreijährigen Choleraopfers in Haiti, Soldaten im US-Army-Center Fort Jackson, Männer einer US-Spezialeinheit in Afghanistan, Krisenhelfer in Sierra Leone während der Ebola-Krise. Gilkey ist immer dort hingefahren, wo es gebrannt hat. Er war im Irak, in Ruanda, im Gaza-Streifen, in Süd-Sudan. Seine Fotos sind wie eine Reise in die Krisengebiete der Welt.

Von seiner letzten Reise ist er nicht mehr zurückgekommen.

Sie führte ihn nach Afghanistan, das Land, in dem seit 16 Jahren Krieg herrscht. Am 5. Juni 2016  war er mit seinem Dolmetscher Zabihullah Tamanna für den US-Rundfunksender NPR unterwegs. In einem Konvoi mit fünf Fahrzeugen geriet er in einen Hinterhalt von Taliban-Kämpfern. Sie beschossen die Autos. Das Fahrzeug, in dem Gilkey und der Dolmetscher saßen, wurde völlig zerstört.

Erfahren Sie hier mehr über die Geschichte von Zabihullah Tamanna.

David Gilkey erlitt das gleiche Schicksal wie Menschen, die er sterbend fotografiert hat. Er kannte den Tod besser als andere, er wusste, worauf er sich einließ. Trotzdem kehrte er immer wieder dorthin, wo es gefährlich war. In Afghanistan war er so oft, dass er irgendwann aufgehört hatte mitzuzählen. In einem Video, das vor seinem Tod aufgenommen wurde, sagt er: „Mir ist wichtig, Dinge sichtbar zu machen und sich zu fragen: Verändern sie unsere Gedanken, fordern sie uns auf, selbst die Initiative zu ergreifen? Ich denke, am Ende geht es immer darum, Menschen dazu zu bringen, sich einzumischen.“

David Gilkey erlitt das gleiche Schicksal wie Menschen, die er sterbend fotografiert hat.

David Gilkey kam aus Portland, Oregon. Auf seiner Trauerfeier, berichtet die Lokalzeitung The Oregonian, sprach auch seine Mutter Alyda Gilkey. Sie erzählte, wie abenteuerlustig David schon als Junge war. Er konnte kaum stehen, da schaffte er es in seiner Krippe, sich schaukelnd durchs ganze Zimmer zu bewegen, er konnte bei Klassenarbeiten nicht stillsitzen, und er war stur. „Wenn er etwas wollte, bekam er es auch.” Das einzige, was ihn stillhalten ließ, war der Blick durch eine Kamera. Sein Vater nahm ihn mit in seine Dunkelkammer und brachte ihm das Fotografieren bei. In der Schule besuchte er einen Foto-Kurs, später die Universität von Oregon, einen Abschluss machte er nicht. Abschlüsse waren ihm nicht wichtig. David Gilkey wollte arbeiten, die Welt sehen, die Wirklichkeit in Bildern festhalten. Er arbeitete für die Detroit Free Press, The Knight Ridder und seit 2007 für NPR, National Public Radio, die beste Rundfunkstation Amerikas. Seine Fotos und Videos wurden online gestellt. Er gewann zahlreiche Preise und wurde von der Fotografenvereinigung des Weißen Hauses zum Fotografen des Jahres gekürt. Er war 50 Jahre alt, als er starb.

Nach seinem Tod erschienen Nachrufe auf ihn in der ganzen Welt. US-Außenminister John Kerry würdigte seine Arbeit und verurteilte den Angriff auf ihn als „eine düstere Erinnerung“ an die Gefahren, denen das afghanische Volk, die örtlichen Sicherheitsbehörden und furchtlose Journalisten und deren Dolmetscher ausgesetzt seien. Gilkeys NPR-Kollegen suchten sich ein Lieblingsfoto von ihm aus und schrieben ihre Gedanken und Erinnerungen dazu auf. Eins der Fotos zeigt Schulkinder in Kabul bei der Essensausgabe, links stehen die Mädchen mit weißen Kopftüchern, rechts die Jungen in weißen Hemden. Sie warten, drängeln, sind mit sich beschäftigt, nur ein Mädchen, das in der Mitte, schaut mit seinen tiefschwarzen Augen direkt in die Kamera. Es ist ein Foto wie ein Gemälde.

…US-Außenminister John Kerry würdigte seine Arbeit und verurteilte den Angriff auf ihn als „eine düstere Erinnerung“…

Gilkeys Kollegin Rebecca Hersher war dabei, als es entstand. Den ganzen Vormittag, erzählt sie auf der NPR-Website, habe David Gilkey auf dem Schulhof verbracht. Die Kinder lachten über den großen kräftigen Mann mit Basecap und den schweren Kameras über beiden Schultern. Wie Katzen strichen sie um seine Beine, zunächst vorsichtig, später mutiger, zogen an seinen Hosen, sprangen vor seine Kamera. Er ließ es sich gefallen, lächelte und wartete, bis die Kinder vergessen hatten, dass er da war. Dann drückte er auf den Auslöser.

Anja Reich Chefreporterin Berliner Zeitung

David Gilkey

Fotojournalist, National Public Radio (NPR) † 5. Juni 2016

Der US - amerikanische Fotojournalist David Gilkey war ein geschätzter Fotograf, der mit zahlreichen Preisen geehrt wurde. Fast 20 Jahre lang hatte er Momente von schweren Unglücken, Epidemien und Kriegen aus der ganzen Welt eingefangen. Besonders häufig verschlug es ihn nach Afghanistan. Auf seiner letzten Reise im Juni 2016 für das NPR (National Public Radio), eine der renommiertesten Rundfunkanstalten der USA, starben er und sein Kollege Zabihullah Tamanna bei einem gezielten Angriff auf ihn. Seit Beginn des Kriegs in Afghanistan sind viele Journalisten dort gestorben. Gilkey und Tamanna waren Opfer Nummer 27 und 28. (Photo Credit: 80993299: picture alliance / dpa)

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Getty Images / Anadolu Agency

Tod in Aleppo

Der Krieg in Syrien ist ein Stellvertreterkrieg mit vielen Akteuren. Der Tod des iranischen Journalisten Mohsen Khazaei verdeutlicht das auf tragische Art und Weise: Der Fernsehjournalist ist am 12. November 2016 in West-Aleppo umgekommen.

Ein Granatsplitter traf ihn tödlich am Kopf, als er gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Kameramann Tamer Sandooq, syrische Regierungstruppen bei ihrer Rückeroberung von den Rebellen besetzter Gebiete in West-Aleppo begleitete. Sandooq wurde bei dem Gefecht verletzt. Der 1972 geborene Khazaei hatte 1995 als Tontechniker bei der staatlichen Rundfunkanstalt Irans (IRIB) begonnen. Er hinterlässt zwei Söhne und eine Tochter.

Gemeinsam mit seinem Team war Khazaei bei den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad „embedded“ und berichtete über deren Vorgehen gegen Rebellentruppen, die Teile von West-Aleppo damals unter ihrer Kontrolle hatten. Der unabhängigen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sowie dem oppositionellen Baladi News Network zufolge drängten die Regierungstruppen die Rebellen im Minyan Distrikt zurück, als Khazaei getötet wurde. In die Kämpfe waren auf Seiten Assads auch vom Iran unterstützte Truppenverbände aus dem Libanon und Irak involviert. Seit Ende 2016 kontrollieren die Truppen von Assad wieder ganz Aleppo.

Dass Iran in den syrischen Bürgerkrieg verwickelt ist, hat die Regierung lange Zeit verleugnet. Nach Einschätzung von Experten aber sind die iranischen Revolutionsgarden mit einigen Tausend Mann in Syrien präsent, um Machthaber Baschar al-Assad militärisch zur Seite zu stehen. Mittlerweile lässt sich auch die hohe Zahl der Iraner, die in Syrien zu Tode gekommen sind, nicht mehr vertuschen. Gemäß dem von der Führung der Islamischen Republik betriebenen Märtyrerkult werden in Syrien gefallene iranische Soldaten in Iran feierlich begraben. Einigen von ihnen kommt sogar die zweifelhafte Ehre zuteil, auf Plakaten gezeigt zu werden. Dass auch Khazaei nach seinem Tod als Märtyrer gefeiert und sein Konterfei an Hauswände plakatiert wurde, zeigt seine Verbundenheit mit dem iranischen Machtapparat.

Aus westeuropäischer Perspektive kann man IRIB ein Propagandamedium nennen. Die Anstalt betreibt mehrere Hörfunk- und Fernsehsender, darunter auch Auslandskanäle. IRIB unterliegt der staatlichen Zensur und ist dem geistlichen Oberhaupt des Iran, Ali Khamenei, unterstellt. Obwohl alle in Iran zugelassenen Medien der Zensur unterliegen, ist die Berichterstattung teilweise erstaunlich kritisch. In den TV-Debatten vor den Präsidentenwahlen etwa kritisierten sich die Kandidaten schonungslos.

Auch das Internet unterliegt offiziell einer strikten Kontrolle. Allerdings ist das Wissen über die technischen Tricks, die es braucht, um die Sperren zu umgehen, derart verbreitet, dass sich die Kandidaten schließlich auch dort tummelten. Sie stellten ihre Wahlkampffilme online, die Anhänger verbreiteten sie in den sozialen Medien. Dabei sind Twitter und Co. spätestens seit 2009, als es rund um die umstrittene Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads zu heftigen Protesten kam, bei den Machthabern verteufelt.

Aus westeuropäischer Perspektive kann man IRIB ein Propagandamedium nennen.

Unabhängige kritische Berichterstattung ist bei IRIB aber nicht möglich. Die Umstände und der Umgang mit Tod Khazaeis verdeutlichen das.

Milan Jaeger WESER-KURIER

Mohsen Khazai

Journalist der Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB) † 12. November 2016

Der iranische Journalist Mohsen Khazaei arbeitete für die staatliche Rundfunkanstalt Irans (kurz: IRIB), die sich selbst als „die Stimme der islamischen Republik Iran“ sieht. Während der Berichterstattung im Südwesten der seit Jahren umkämpften Stadt Aleppo starb er durch einen Granatsplitter. Bereits seit 1995 war Khazaei für IRIB tätig, damals noch als Tontechniker. Er hinterlässt drei Kinder. (Photo Credit: Screenshot, IRIB News Agency video)

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Photo by Mario Tama/Getty Images

João Miranda Do Carmo

Seine Gegner störte nicht nur, welche Themen er aufgriff, sondern auch die Haltung, mit der er es tat.

Die Geschichte endet wie eine Szene aus einem Thriller. Am späten Abend des 24. Juli 2016 hört Joao Miranda do Carmo, wie ein Mann vor seinem Haus in der brasilianischen Kleinstadt Santo Antônio do Descoberto seinen Namen ruft. Er geht hinaus, um nachzuschauen. Im Halbdunkel der Straße parkt ein roter Fiat. João Miranda do Carmo nähert sich dem Auto, da fallen die Schüsse. Sieben Mal wird er in die Brust getroffen, er stirbt sofort. Zeugen sehen und hören, wie mindestens zwei Männer mit dem Auto davon rasen.

Seine Freunde sind davon überzeugt, dass dies ein gezielter Anschlag auf den 54 Jahre alten Journalisten war. Wer dahinter steckt, ist bis heute unklar. Es können Männer aus dem Drogenmilieu sein, die Tat kann aber auch politische Motive haben. Denn João Miranda do Carmo war ein bekannter, ein umstrittener Mann in der kleinen Stadt, etwa 30 Kilometer westlich der Metropole Brasilia. Er arbeitete für ein Nachrichtenportal mit dem programmatischen Namen „SAD Sem Censura“ – Santo Antonio do Descoberto (kurz: SAD) ohne Zensur.

Der Mord an ihm ist ein weiteres Beispiel dafür, dass eben nicht allein die im ganzen Land bekannten Journalisten großer Medien, die gegen die Korruption in der Regierung und kriminelle Strukturen in der Hauptstadt kämpfen, in Gefahr sind. Ihre Prominenz schützt sie sogar bis zu einem gewissen Grad. Die vielen mutigen Lokalreporter, die überall in Brasilien die politische und kriminelle Mafia verfolgen, haben solchen Schutz nicht. João Miranda do Carmo war so ein Mann. „Er verlangte Antworten von Politikern, der Polizei und den Beamten“, sagte Claudio Curado von der Journalistengewerkschaft des Bundesstaates dem internationalen Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ). „Wir glauben, der Mord hat einen politischen Hintergrund. Er hinterfragte die örtlichen Politiker.“

Dabei ging es eben nicht um die großen Themen, die Brasilien seit Jahren erschüttern, die alle kennen: Korruptionsvorwürfe gegen die abgesetzte Präsidentin und ihren Nachfolger, die Skandale um den Staatskonzern Petrobas oder die Olympiabauten. Do Carmo beschäftigte sich zuletzt auf seiner Webseite mit der Frage, warum manche Straßen in der kleinen Stadt mit 50.000 Einwohnern befestigt werden und andere nicht, mit einer neuen lokalen Müllsteuer und mit den Klagen von Gemeindearbeitern, sie erhielten ihren Lohn nicht pünktlich.

Das sind Themen, die sich nicht besonders von jenen unterscheiden, denen auch europäische, deutsche Lokaljournalisten nachgehen. Es ist ihre Aufgabe, sie üben eine öffentliche, demokratische Kontrolle im Interesse der Bürger ihrer Gemeinden aus. Doch sie haben bei uns kaum mehr zu befürchten als vielleicht einmal einen unfreundlichen Anruf oder die Beschwerde eines betroffenen Honoratioren oder Werbekunden beim Verlag. João Miranda do Carmo aber wurde wegen seiner Arbeit massiv bedroht. 2014 zündeten Unbekannte sein Auto an. Im Jahr danach meldete er der Polizei schon erste Morddrohungen. Seine Gegner störte nicht nur, welche Themen er aufgriff, sondern auch die Haltung, mit der er es tat. Der Journalist war Mitglied der kommunistischen Partei und machte daraus kein Geheimnis.

„Wir glauben, der Mord hat einen politischen Hintergrund. Er hinterfragte die örtlichen Politiker.“

Die Polizei blieb immerhin nicht untätig. Drei Tage nach dem Mordanschlag nahm sie einen Mann fest. Zeugen hatten den 40-Jährigen als Fahrer des Fiats identifiziert, in dem die Täter flüchteten. Er arbeitete bei einem Sicherheitsdienst, der öffentliche Gebäude in der Stadt bewacht. Er soll auch Kontakt zu Drogenhändlern gehabt haben, über deren Treiben do Carmo berichtet hatte. Doch Wochen später hieß es, die Polizei habe weder ein Motiv noch die Hintermänner der Tat ermitteln können. So endet diese Geschichte also doch nicht wie ein Thriller, in dem der Mörder meist gefasst wird. Das Ende ist noch offen, und die Familie, die Freunde und Leser von João Miranda do Carmo zweifeln, ob sie jemals erfahren werden, wer diesen mutigen Lokaljournalisten umgebracht hat, ob die Täter jemals zur Verantwortung gezogen werden.

Holger Schmale DuMont-Hauptstadtredaktion

João Miranda Do Carmo

Moderator, SAD Sem Censura (ohne Zensur) † 24. Juli 2016

Der 54-jährige Brasilianer war Inhaber einer Website für Lokalnachrichten namens „SAD Sem Censura“ – „Santo Antônio do Descoberto Unzensiert“. Die Seite befasste sich mit Themen wie Korruption und Kriminaldelikten dieser Kleinstadt, wodurch do Carmo in den Jahren vor seinem Tod mehrere Morddrohungen erhielt. Laut der örtlichen Polizei allerdings bestünde kein Zusammenhang zwischen dem Mord an João Miranda Do Carmo und seiner journalistischen Tätigkeit. Die Website ist inzwischen offline. (Bild: www.opopular.com.br – Credits Reproduktion aus Facebook)

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Eine klare Stimme, verstummt

Khaled al-Zintani konnte sich nicht abwenden. Er hatte keine Möglichkeit, seine Aufmerksamkeit anderen Schauplätzen zuzuwenden. Während die Weltöffentlichkeit schon lange nicht mehr auf Libyen, sein Heimatland, schaute, war der Fotojournalist immer noch da, arbeitete noch immer von dort, …

…versorgte Medien unermüdlich mit Bildern aus Bengasi, seiner Heimatstadt. Es gibt viele schreckliche Orte auf der Welt, und Libyen gehört ganz sicher dazu, Libyen ist das Synonym für einen „failed state“, einen zerfallenen Staat. Das Interesse westlicher Medien an dem Krieg in dem einst von Muammar al-Gaddafi regierten Land währte nicht allzu lang. Es hielt so lange, wie der Protest und der Widerstand gegen den Machthaber als Teil des arabischen Frühlings wahrgenommen wurden.

Das Interesse flaute ab, als sich der Konflikt immer mehr zu einem brutalen und unübersichtlichen Bürgerkrieg wandelte, in dem neben dem IS eine Vielzahl weiterer islamistischer Milizen ihre Rolle spielen. Heute erfahren wir unter anderem durch die Berichte von Flüchtlingen, die sich von Libyen aus auf den Weg nach Europa machen, wie schlimm die Situation in dem nordafrikanischen Land ist. Aber auch durch die Arbeit von unerschrockenen Journalisten wie Khaled al-Zintani haben wir erfahren, wie es um Libyen steht. Am 24. Juni 2016 starb er in Bengasi. Erschossen von einem Scharfschützen.

Khaled al-Zintani war von Anfang an dabei, zunächst als Demonstrant, schließlich als Fotojournalist, um die Auseinandersetzungen und die Entwicklungen in Libyen mitzuerleben. Er berichtete aus Bengasi und Zintan, einer Stadt im Nordwesten des Landes, die eine Hochburg der Rebellen war. Al-Zintani dokumentierte das Bombardement der Gaddafi-Truppen, vor dem die Bewohner in umliegende Höhlen geflohen waren. Zuletzt leitete er das Büro von „Zintan TV“ in Bengasi, arbeitete auf freiberuflicher Basis für „Sky News Arabia TV“ und drehte PR-Videos für die Nationale Libysche Armee.

Al-Zintani stand in seiner Arbeit zwar klar auf der Seite der Rebellen, gestand aber auch deren Fehler und Vergehen ein. Zum Beispiel als diese bei der Rückeroberung Zintans zum Teil brutal gegen Angehörige des Stammes der Meshaashiya vorgingen. Einige Meshaashiya berichteten, dass sie 2011 vor den Rebellen fliehen mussten, da diese den Stammesmitgliedern vorwarfen, Gaddafi unterstützt zu haben und ihre Häuser zerstörten. Al-Zintani verwarf aber auch hier seine klare Positionierung nicht grundsätzlich: „Ich will sie nicht entschuldigen“, sagte er einmal. „Aber solche Dinge passieren doch in jedem Krieg.“

Khaled al-Zintani war von Anfang an dabei, zunächst als Demonstrant, schließlich als Fotojournalist

An der Situation der Meshaashiya wird deutlich, wie kompliziert und verfahren die Situation in Libyen ist. Gaddafi hatte die Angehörigen des Stammes in den 70er Jahren umgesiedelt, als Teil seiner „Teile und herrsche“-Strategie. Diese sah vor, Konflikte zwischen rivalisierenden Familienverbänden zu unterbinden und seine Herrschaft auf diese Weise zu sichern. Die Erfahrungen des erlittenen Unrechts unter Gaddafis jahrzehntelanger Herrschaft brachen in dem Bürgerkrieg schließlich wieder hervor.

Für seinen letzten Einsatz war Al-Zintani als „Medienschaffender“ bei der Spezialeinheit Saiqa der Nationalen Libyschen Armee „embedded“. Unter der Führung von General Khalifa Haftar, der den Ostteil des Landes kontrolliert, lieferte sich die Saiqa im vergangenen Jahr heftige Kämpfe mit islamistischen Milizen, darunter auch solche, die dem IS nahestehen. Einen solchen Einsatz wollte al-Zintani in Bengasi begleiten.

Omar Altwati, ein Produzent, der mit al-Zintani in den Wochen vor dessen Tod zusammengearbeitet hat, gab an, dass al-Zintani noch Tage vor seiner Erschießung Bilder von Kämpfen im Südteil Bengasis geliefert habe. Einen Tag vor al-Zintanis Tod hatten die beiden noch Kontakt. Dieser sicherte zu, dass er „über alle Kämpfe in der Gegend“ berichten werde. Am nächsten Tag ging al-Zintani nicht mehr an sein Handy. Er konnte nicht mehr. Ein Militärsprecher bestätigte den Tod des Journalisten gegenüber Altwati. Auch wenn keine der islamistischen Milizen, die in die Kämpfe in Bengasi involviert waren, die Tötung al-Zintanis für sich beanspruchte, kann man davon ausgehen, dass der Schütze aus den Reihen der Milizionäre stammte.

Man mag nun beanstanden, dass Khaled al-Zintani kein unabhängiger Berichterstatter war. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Weltöffentlichkeit auf Berichte von Kollegen wie ihn angewiesen ist, um überhaupt etwas von dem Geschehen aus Kriegsschauplätzen wie Bengasi zu erfahren. Zuletzt haben die beiden Hauptakteure Libyens, Khalifa Haftar im Osten und Fayez al-Sarraj im Westen, zwar wieder miteinander geredet und Parlamentswahlen angekündigt – die Zukunft des Landes ist dennoch ungewiss. Eine Stimme, die uns von dieser berichtet hätte, ist am 24. Juni 2016 verstummt.

Milan Jaeger Weserkurier

Kahled al-Zintani

Korrespondent, Zentan TV / Skynews † 23. Juni 2016

Der Libyer Khaled Al Zintani ist geboren und gestorben in der umkämpften Hafenstadt Bengasi. Er arbeitete hauptsächlich als freier Fotojournalist. Zuletzt begleitete er die Saiqa Spezialkräfte bei einer Offensive gegen die islamistische Miliz in Bengasi, bei der er von einem Scharfschützen im Gwersha Viertel im Süden der Stadt erschossen wurde. Al Zintani war einer der wenigen Journalisten, der die Öffentlichkeit mit Bildern aus dem jahrelangen Bürgerkrieg Libyens versorgte und dabei sein Leben riskierte.

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Abdullah Doma/AFP/Getty Images

Schutzlos trotz allem

Er hätte aufgegeben können. 2012 war der niederländische Fotojournalist Jeroen Oerlemans von radikalen Islamisten im Norden Syriens entführt worden, zusammen mit seinem britischen Kollegen John Cantlie. Nach einem Fluchtversuch schwer verletzt, wurden beide eine Woche später von Kämpfern der Freien Syrischen Armee befreit.

Was mag dieses Erlebnis in dem erfahrenen Kriegsreporter ausgelöst haben? Und was mag in ihm vorgegangen sein, als er erfuhr, dass John Cantlie nur wenige Monate später wieder verschleppt worden war und mit ihm ein weiterer Kollege, der amerikanische Fotograf James Foley, der wenig später von einem Kämpfer des sogenannten Islamischen Staat enthauptet wurde? Als Jeroen Oerlemans Cantlie zwei Jahre später in IS-Propaganda-Videos sah, ihm zuhören musste, wie dieser den IS-Terror rechtfertigte, muss er sich gefragt haben, was die Gefangenschaft, die Gewalt, vielleicht die Gehirnwäsche bei seinem ehemaligen Mitgefangenen angerichtet hatte, der bis heute in der Gewalt des IS ist.

Was auch mit ihm selbst hätte passieren können.

Oerlemans und Cantlie waren bei ihrer ersten Entführung mit dem Leben davongekommen. Um ein Haar.

Niemand hätte Oerlemans für einen weniger leidenschaftlichen Journalisten gehalten, wenn er damals den Einsätzen in Kriegsgebieten für immer abgeschworen hätte. Glaubt man seinen Mitarbeitern, stürzte der verheiratete Vater von drei kleinen Kindern sich ohnehin nicht leichtsinnig in die gefährlichen Einsätze. „Er war kein Cowboy“, sagt sein Kollege Eike den Hertog von der Fotoagentur De Beeldunie. „Er war umsichtig und sehr klug.“ Kein Draufgänger. Jemand, der die Gefahr, der er sich aussetzte, als sorgfältig kalkuliertes Risiko betrachtete, das er bereit war einzugehen, um dem Schrecken des Krieges ein Gesicht zu geben.

Oerlemans und Cantlie waren bei ihrer ersten Entführung mit dem Leben davongekommen. Um ein Haar.

In den vielen Krisengebieten, die er besuchte, galt sein Blick immer den Menschen. Da steht im Libanon ein Mann fassungslos mit einem kleinen Feuerlöscher in der Hand inmitten der rauchenden Trümmer seines Hauses nach einem israelischen Bombenangriff auf Tyros. Da lugen in Afghanistan Frauen und Mädchen so vorsichtig aus ihrer Haustür in der Stadt Chora, als könnte keine von ihnen glauben, dass es sicher ist, sich auf die Straße zu wagen.

Und da zeigt ein friedlicher Strand an der Küste Libyens eine trügerische Idylle, die für viele Menschen das Tor zur Hölle wurde, nachdem sie einer anderen entkommen zu sein glaubten.

Vom Strand von Zuwara starten viele Flüchtlinge die gefährliche Reise über das Mittelmeer, in der Hoffnung, an einem fernen Ufer ein besseres Leben zu finden. Unter ihnen Tausende der rund eine Million Libyer, die seit dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi und dem Beginn des Bürgerkrieges 2011 vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen sind. Was mit der Bewegung des Arabischen Frühlings als Aufbruch und Kampf für die Freiheit begonnen hatte, mündete in einen Krieg, in dessen Folge bis heute bis zu 50.000 Menschen umkamen.

Zwar ist Libyen seit der Verfassungserklärung von 2011 eine Republik mit parlamentarischer Demokratie unter dem Ministerpräsidenten Fayez al-Sarraj. Tatsächlich kämpfen nach wie vor unzählige Gruppen um die Vorherrschaft im Land, unter ihnen die Terrorgruppen Islamischer Staat und Al-Kaida. Menschenrechtsorganisationen berichten von willkürlichen Verhaftungen, von Folter in den Gefängnissen.

Libyen gilt als eines der gefährlichsten Länder auch für Journalisten, die immer wieder zwischen die Fronten der Kriegsparteien geraten. Reporter ohne Grenzen listet das Land auf Platz 163 von 180 Ländern auf der Rangliste der Pressefreiheit.

Für Jeroen Oerlemans mag das ein Grund mehr gewesen sein, sich dem Land immer wieder zuzuwenden. Er wollte nicht nur an der Oberfläche kratzen. So war es wohl schon gewesen, als der 1970 geborene Oerlemans nach einem Master in Politikwissenschaften in Amsterdam auch noch Fotojournalismus in London studierte.

Seine Reisen führten ihn immer wieder in den Nahen Osten, nach Syrien, Afghanistan, in den Iran, nach Libyen, aber auch nach Pakistan, Sierra Leone und in den Sudan. Seine Fotos erschienen in Magazinen wie Newsweek und dem Time Magazine und in zahlreichen Zeitungen wie dem Guardian oder der Sunday Times.

Im Herbst 2016 war Oerlemans für das belgische Magazin Knack in der libyschen Stadt Sirte unterwegs und berichtete über die Offensive von Pro-Regierungs-Truppen gegen den IS. Es fanden heftige Kämpfe statt. Am 2. Oktober, einem Sonntag, begleitete Oerlemans ein Minenräum-Kommando. In einem Stadtteil von Sirte, der bereits von den Dschihadisten befreit schien, wurde Jeroen Oerlemans von einem IS-Heckenschützen getroffen. Der Schuss traf ihn an der Seite, an einer Stelle, an der ihn die kugelsichere Weste, die er trug, nicht schützen konnte. Er war sofort tot.

Der Twitter-Account von Jeroen Oerlemans ist noch aktiv. Sein letzter Tweet stammt vom 12. Juli 2016. Er ist die Reaktion auf ein Lebenszeichen seines ehemaligen Mitgefangenen. John Cantlie war in einem weiteren IS-Video aufgetaucht. Angeblich zeigt es ihn in der irakischen Stadt Mossul. Jeroen Oerlemans schreibt: „Ich hoffe immer noch, dass er eines Tages wieder zu Hause sein wird.“

Tanja Brandes Redakteurin Berliner Zeitung/Berliner Kurier

Jeroen Oerlemans

Fotojournalist, Kriegskorrespondent † 2. Oktober 2016

Jeroen Oerlemans war ein ambitionierter Fotograf. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft lernte er Reportage-Fotografie in London und hat sich durch Publikationen in renommierten Magazinen wie der Times oder The Guardian einen Namen gemacht. 2012 wurde er von radikalen Islamisten gekidnappt und eine Woche gefangen gehalten bis die Freie Syrische Armee ihn befreit hat. 2016 wurde er in der lybischen Stadt Syrte bei einem Reportage-Einsatz durch einen gezielten Schuss eines IS-Heckenschützen getötet. Obwohl er eindeutig als Journalist erkennbar war. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder. (Bild:picture alliance / ANP)

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Somalia – Mohamed Abdiwahab/gettyimages

Auf offener Straße

Sagal Salad Osman hatte Hunger, als sie an jenem Nachmittag im Juni 2016 eine Universität im Westen der somalischen Hauptstadt Mogadischu verließ, mit zwei Freundinnen ging sie in ein Cafe in der Nähe. Die junge Journalistin studierte Informatik und arbeitete als Moderatorin und Producerin von Kinderprogrammen für den staatlichen somalischen Rundfunk. Sie kam nie zurück.

Siebenmal schossen zwei oder drei unbekannte Männer auf sie, auf offener Straße. Sie entkamen unerkannt. Der Verdacht lag nahe, dass es sich um Milizen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab handelte, das jedenfalls sagte die Polizei sehr schnell.

Sagal Salad Osman war gerade einmal 24 Jahre alt, auf Bildern lächelt eine selbstbewusste junge Frau in die Kameras. Sie hielt sich nicht an die strengen Vorschriften zur Verschleierung in der Öffentlichkeit, die die Islamisten verlangen, ihre Freunde sind sicher, dass das allein schon ein Grund war, sie umzubringen. Dazu interessierte sie sich für Fußball, sie war ein Fan von Manchester United. Die Polizei dagegen ging von einem Racheakt von Al-Shabaab aus. Kurz zuvor war ein Islamist wegen mehrerer Morde an Journalisten zum Tode verurteilt und hingerichtet worden.

Sagal Salad Osman starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Tod war eine Tragödie für ihre Familie, so schilderten es Kollegen. Ihre Mutter war kurz zuvor gestorben, sie musste ihre sechs jüngeren Geschwister miternähren.

Journalisten in ganz Afrika waren erschüttert und schickten Solidaritätsadressen

Ihr Tod wurde nicht nur von Kollegen betrauert, er fand weltweit Beachtung – und wurde in Somalia sofort zum Politikum. Journalisten in ganz Afrika waren erschüttert und schickten Solidaritätsadressen, die afrikanische Friedensmission im Land verurteilte den Mord, selbst der  damalige Staatspräsident äußerte sich. Die Täter würden vor Gericht gebracht werden und zur Verantwortung gezogen, versprach Hassan Sheikh Mohamud. Er wusste selbst, wie hilflos das klang.  „Wir fordern die somalischen Behörden auf, die Verantwortlichen zu finden und den Zyklus von Gewalt und Straflosigkeit zu beenden, der das Land seit so langer Zeit heimsucht“, flehte Omar Faruk Osman, Chef des somalischen Journalistenverbands, die Behörden geradezu an. Die Appelle blieben so folgenlos wie viele andere zuvor.

Journalisten in Somalia leben gefährlich, sie müssen immer um ihr Leben fürchten. Gerade in der Hauptstadt Mogadischu ist die Lage oft so angespannt und unübersichtlich, dass viele es vorziehen, in ihren Redaktionen zu übernachten oder gar zu wohnen. Den Weg nach Hause haben viele nicht überlebt. Wenige Monate vor dem Mord an Sagal Salad Osman starb ihre Kollegin Hindiyo Haji Mohamed mit nur 27 Jahren, Unbekannte hatten eine Bombe unter ihrem Auto angebracht. Sie arbeitete ebenfalls für den staatlichen Rundfunk und hinterließ fünf Kinder. Ihr Mann, auch Journalist, war bereits einige Jahre zuvor ermordet worden.

Somalia gehört nicht nur den ärmsten Ländern der Welt, sondern auch zu den hoffnungslosesten. Lange Zeit galt es als ein komplett gescheiterter Staat, in dem blanke Gewalt und Chaos herrschten. 2006 eroberten Islamisten die Hauptstadt, eine Übergangsregierung war bereits zuvor ins Exil geflohen. Erst das Eingreifen des Nachbarlands Äthiopien beendete den Vormarsch der Islamisten.

Bild: National Union of Somali Journalists (NUSOJ ) Sagal Salad Osman war gerade einmal 24 Jahre alt, auf Bildern lächelt eine selbstbewusste junge Frau in die Kameras

Für Journalisten gehört Somalia zu den schlimmsten Ländern auf der Welt, seitdem im Jahr 1992 nach dem Sturz des Diktators Siad Barre ein blutiger Bürgerkrieg begann. Befriedet ist das Land bis heute nicht, Regierungstruppen und die Soldaten der Afrikanischen Mission liefern sich erbitterte Gefechte mit den Islamisten, auch die USA beteiligen sich aus der Luft an den Angriffen. Erst 2012 konnte zum ersten Mal wieder eine neue Regierung gewählt werden, die aber nur einen kleinen Teil des Landes unter Kontrolle hat. Immerhin ist seit Februar ein neuer Präsident im Amt, auf dem viele Hoffnungen liegen. Doch Al-Shabaab kämpft weiterhin gegen jeden Versuch, das Land zu stabilisieren, fast täglich verüben die Islamisten schwere Anschläge, auch in der Hauptstadt.

Ihr Mann, auch Journalist, war bereits einige Jahre zuvor ermordet worden.

Dazu kommen Mangelernährung und Hunger, zwei von drei Somaliern haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, nur wenige Kinder besuchen Schulen. Fast eine Million Menschen sind in Nachbarländer geflohen, mindestens ebenso viele innerhalb des Landes auf der Flucht. Es könnten bald doppelt so viele werden, denn Somalia wird derzeit auch noch von einer verheerenden Dürre heimgesucht.

59 Journalisten wurden seit Ausbruch des Bürgerkriegs getötet, in der Rangliste für die Pressefreiheit auf der Welt der Organisation Reporter ohne Grenzen belegte das Land im vergangenen Jahr Platz 167 – von 180. Allein im Jahr 2012 verloren 18 Journalisten ihr Leben.

Islamistische Milizen, Warlords, Kriminelle, rivalisierende Clans haben keinerlei Interesse auf Aufklärung und Enthüllung, sie schrecken vor keinem Mord und keiner Gewalttat zurück. Aber auch die Behörden und die Regierung gängeln unliebsame Journalisten mit Razzien, Einschüchterung, willkürlichen Festnahmen und Folter. Ernsthafte Ermittlungen nach Morden an Journalisten gibt es fast nie, die meisten bleiben unaufgeklärt. Auch Sagal Salad Osmans Mörder wurden nie gefasst.

Kordula Doerfler Sie ist Korrespondentin der DuMont Hauptstadtredaktion und hat lange Zeit in Afrika gelebt.

Sagal Salad Osman

24, Radio Mogadiscio † Wurde am 5. Juni 2016 in Mogadischu erschossen

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Somalia beträgt 55 Jahre. Sagal Salad Osman wurde 24 Jahre alt. Die Reporterin und Studentin arbeitete für das staatliche Radio Mogadischu, für das sie ein Kinderprogramm produzierte. Sie wurde erschossen als sie ihren Campus im Hodan-Viertel von Mogadischu verließ. Offiziell bekannte sich niemand zum Mord. Die Polizei jedoch verdächtigte die islamistische Miliz al-Shabaab, die schon zuvor Journalisten getötet hatte. (Bild: National Union of Somali Journalists (NUSOJ ))

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Anabel Flores Salazar

Argentinien – Ronaldo Schemidt/AFP/Getty Images

Die Journalistin Anabel Flores Salazar war 32 Jahre alt, als sie in der Nacht des 9. Februar 2016 von bewaffneten Männern in Polizeiuniform aus ihrer Wohnung in Veracruz in Mexiko entführt wurde. Am nächsten Morgen fand man die Leiche der jungen Frau halbnackt in einem Straßengraben am Highway, etwa eine halbe Autostunde entfernt von ihrer Wohnung. Sie wurde erstickt.

Anabel Flores Salazar arbeitete als Journalistin für die lokale Zeitung El Sol de Orizaba. Unbequeme Themen – das war ihr Metier, in einem Land, das alles andere als bequem für Journalisten ist.

Sechs Jahre zuvor begann sie als Praktikantin, seitdem arbeitete Anabel Flores Salazar als Journalistin.  Bevor sie zu El Sol de Orizaba kam, schrieb sie für verschiedene andere Blätter als freie Journalistin. Sie berichtete über Autounfälle, Polizeiarbeit und Tötungsdelikte. Oft fand sie dabei Verbindungen zwischen Gewaltverbrechen an jungen Mädchen und den Drogenkartellen der Umgebung. Sie nutzte dabei in ihren Artikeln den Begriff „Femicida“.  Das Wort Femizid oder auch Feminizid wird im Deutschen oft für Gewalt an Mädchen und Frauen mit Todesfolge verwendet. Bis zu ihrem Tod berichtete die Journalistin immer über mysteriöse Todesfälle von Teenagerinnen in Veracruz.

Man geht davon aus, dass ihr Tod in Verbindung mit der Drogenkriminalität vor Ort stand. Am selben Tag wurden noch zwei weitere Leichen gefunden. Beide standen in Beziehung zu einer Geschichte, an der Anabel Flores Salazar vor ihrem Tod recherchierte, berichtete die US-amerikanische Seite The Daily Beast.

Am selben Tag wurden noch zwei weitere Leichen gefunden.

Die Polizei ermittelte in alle Richtungen und untersuchte eventuelle Zusammenhänge. Die Polizei glaubte, dass sie Kontakt zu einem Gangsterboss eines Drogenkartells hatte. Doch Anabel Flores Salazar saß lediglich mit ihrer Familie im selben Restaurant, als dieser 2014 festgenommen wurde. Ihre Tante erklärte, Anabel Flores Salazar hätte keinen Kontakt zu diesem Mann gehabt.

Anabel Flores Salazar schrieb über Themen, die viele Journalisten aus Mexiko meiden und die sich aus Angst und Schutz eine Selbstzensur auferlegen. Die ostmexikanische Provinz Veracruz aus der Anabel Flores Salazar stammte, gilt nach Aussage des ROG-Geschäftsführers Christian Mihr für Journalisten als der „gefährlichste Ort in der westlichen Hemisphäre“.  Allein in den vergangenen sechs Jahren wurden in dem mexikanischen Bundestaat 17 Journalisten umgebracht.

Bild: Ronaldo Schemidt/ AFP/ Getty Images – Gedenken an die toten Journalisten vor dem Staatsbüro Veracruz`s. Mexico City 11. Februar.

Die Journalisten leben in einem repressiven Staat mit einem korrupten Justizsystem, umgeben von gewalttätigen Drogenhändlern. Vor allem die geografische Lage von Veracruz ist dafür verantwortlich: Der Bundestaat liegt zwischen der Hauptstadt Mexiko-Stadt und dem Golf von Mexiko und verfügt über den wichtigsten Hafen des Landes. Er ist also Umschlagplatz für das organisierte Verbrechen, besonders der Drogenhandel floriert. Staatliche Schutzprogramme funktionieren kaum, oft arbeiten Behörden und organsierte Gewalt zusammen. Journalisten und Menschenrechtsaktivisten geraten immer wieder ins Kreuzfeuer.

Aktuell steht Mexiko auf Platz 147 der Rangliste der Pressefreiheit – von 180 Plätzen. Auch in diesem Jahr sind in Mexiko schon drei Journalisten getötet worden, ihr Tod stand nachweislich im direkten Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit.

2016 wurden zehn Menschen umgebracht, weil sie ihrer Arbeit nachgegangen waren.

Anabel Flores Salazar hinterließ ihren Ehemann, ihr zwei Wochen altes Baby und ihren vierjährigen Sohn. Auf ihrer Facebookseite, die noch aktiv ist, steht ein spanisches Zitat: „Als ich aufgeben wollte, bist du in mein Leben getreten.“ Im Hintergrund sieht man ein Pärchen im Gegenlicht.

Von Melanie Reinsch Redakteurin der DuMont-Hauptstadtredaktion

Anabel Flores Salazar

El Sol de Orizaba † Ermordet am 9. Februar 2016

Nach Syrien hat Mexiko die zweithöchste Anzahl an getöteten Journalisten. Eine davon war die gebürtige Mexikanerin und zweifache Mutter Anabel Flores Salazar. Sechs Jahre lang war sie als Journalistin tätig, einer ihrer Schwerpunkte waren Kriminaldelikte, Mord eingeschlossen. Zuletzt schrieb sie für die Lokalzeitung „El Sol de Orizaba“. Orizaba befindet sich im Bundesstaat Veracruz – früher sehr sicher, mittlerweile aufgrund massiver Drogenkriminalität allerdings der zweitgefährlichste Bundesstaat. (Bild: Ronaldo Schemidt/ AFP/ Getty Images)

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Südsudan – gettyimages

Der Traum ist aus

Das neue Jahrtausend hatte mit so viel Optimismus begonnen. Nach Jahrzehnten des Krieges und der Unterdrückung war im Südsudan zuerst der Frieden so nah und dann sogar die Unabhängigkeit.

Isaac Vuni war da schon einer der bekanntesten südsudanesischen Journalisten, er hatte immer leidenschaftlich für die Sache seines Volkes geschrieben: aller Menschen im Süden des damals so riesigen Sudan, in dem die britischen Kolonialherren einst die arabisch-islamischen Nordsudanesen als Herrscher über die überwiegend christlichen Schwarzafrikaner im Süden installiert hatten. Und wie hatten „die Araber“ das „die Schwarzen“ spüren lassen!

Isaac Vuni hatte auch darüber geschrieben, in den Jahren des Freiheitskampfes der Südsudanesen gegen den Norden. Vor allem aber darüber, wie die „Sudanesische Volksbefreiungsarmee“ (SPLA) für einen eigenen Staat kämpfte; wie Rebellenführer und Zentralregierung in Khartum irgendwann endlich verhandelten und wie sie 2005 nach fast 40 Jahren Krieg tatsächlich Frieden schlossen und einen unabhängigen Südsudan in Aussicht stellten. Die Südsudanesen waren euphorisch. Land in Sicht!

Doch Isaac Vuni war kein Freiheitskämpfer. Er war Journalist.

Er blieb im Süden, wo die einstigen Kämpfer der SPLA in Politik und Verwaltung wechselten, und schrieb weiter, als freier Reporter für die unabhängigen Zeitungen, die endlich nicht mehr vom Norden verfolgt wurden.

Vuni lebte mit seiner Familie in der Provinz Ost-Äquatoria, nahe der Grenze zu Uganda, wo der Krieg die Konflikte zwischen den vielen Völkern der Region lange überlagert hatte. Nun brachen sie im Streit über Land und Macht aus.

Er schrieb auch über gute Nachrichten: 2007 versprach die ugandische Terrorgruppe LRA ihren Rückzug; Hunderttausende Südsudanesen kamen  aus dem Exil heim; die Zentralregierung kündigte das Unabhängigkeitsreferendum für 2011 an.

Weil Isaac Vuni aber Reporter war, schrieb er auch über die Verfehlungen der eigenen Leute, die den neuen Staat teilweise unter sich aufteilten. Er erinnerte an ihre Versprechen, zum Beispiel an eine Frauenquote von einem Viertel, die bei weitem verfehlt wurde.  Er deckte Vetternwirtschaft in staatlichen Bauprojekten auf, sogar Scharmützel mit getöteten Zivilisten.

Die Provinzregierung entzog Vuni die Akkreditierung, ließ ihn festnehmen. Für ihn gingen die optimistischen Jahre im Südsudan zu Ende, ehe dessen Unabhängigkeit kam.

2009 enthüllte er, dass der südsudanesischen Nile Commercial Bank das Geld ausging und dass daran auch zinsfreie Kredite für Mitglieder der Übergangsregierung steckten.

Die Weggefährten der Befreiungsbewegung sahen ihren früheren Chronisten bald als Problem. Zwei Mal wurde Vuni wegen seiner Berichte festgenommen. Danach schrieb er nicht mehr unter seinem Namen.

Zwei Jahre, bevor der Südsudan endlich unabhängig wurde, war Vuni zum Reporter ohne Namen geworden, aus Angst vor den neuen Herrschern, deren Kampf gegen die Unterdrückung er einst begleitet hatte.

Und schon zwei Jahre nach der Staatsgründung endete der Optimismus auch für seine Landsleute.

Die neue Regierung zerbrach entlang der ethnischen Linien, 2013 flammte im Südsudan ein neuer Krieg aus, unter denen, die sich im Kampf gegen den Norden als ein Volk gefühlt hatten. Alle Seiten versuchten, Kritiker mundtot zu machen, und jene, die über ihre Gräueltaten und Unversöhnlichkeit berichteten.

Unter ihnen war jetzt auch Isaac Vuni, ohne Namen, aber weiter prominent.

Im Juni 2016 verschleppten ihn sechs Bewaffnete in Uniformen der Leibgarde des Präsidenten aus seiner Wohnung. Wie seine Frau, seine Kollegen und die Journalistenverbände auch über diesen mutmaßlichen Einschüchterungsversuch protestierten – es gab kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Drei Monate später wurde Isaac Vuni tot auf einer Farm in der Nähe seines Heimatortes gefunden: im September 2016, keine sechs Jahre, nachdem 99 Prozent seiner Landsleute für einen neuen Staat gestimmt hatten, der ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben endlich erfüllen sollte. Der Staat, für den sich Isaac Vuni immer eingesetzt hatte. Es wurde gegründet, doch es gibt ihn bis heute nicht.

Steven Geyer Leiter der DuMont-Hauptstadtredaktion

Isaac Vuni

Korrespondent für The Sudan Tribune und den Juba Monitor † Er wurde von Soldaten entführt und am 26. September auf einer Farm im Sudan tot aufgefunden.

Isaac Vuni kam aus dem Südsudan – dem fünftgefährlichsten Land für Journalisten weltweit. Als Korrespondent für den englischsprachigen „The Sudan Tribune“ und das unabhängige Nachrichtenportal „Juba Monitor“ positionierte sich Isaac als kritische Stimme eines Landes, das vom Bürgerkrieg gezeichnet ist. Am 26. September 2016 wurde die Leiche von Isaac Vuni gefunden. Der Mord an ihm wurde scharf verurteilt von Irina Bokowa, Generaldirektorin der UNESCO.

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Afghanistan – gettyimages

Die Hoffnung war groß

Es gab eine Zeit, da berichteten die internationalen Medien tagtäglich und ausführlich über Afghanistan. Im Jahr 2000 war das, als Ahmed Schah Massud, der Löwe von Pandschir, mit seiner Nordallianz einen letzten Zipfel im Nordosten des Landes gegen die Taliban verteidigte. Er wurde 2001 von als Journalisten getarnten Attentätern getötet, kurz bevor seine Truppen mit der durchschlagenden Unterstützung des US-Militärs siegreich in die Hauptstadt Kabul einziehen konnten.

Damals war die Hoffnung so groß

Damals war die Hoffnung so groß, dass dieses kriegsversehrte Stückchen Erde, dieser Spielball der Großmächte, dieses Opfer seiner geopolitischen Lage nun zur Ruhe kommen konnte. Nach Jahren des Bürgerkriegs, bei denen es vor allem um die Interessen der USA und der Russen ging, auch wenn die Protagonisten vor Ort Rabbani, Hekmatyar und Abdul Raschid Dostum hießen.

Es muss in diesem kurzen Moment der Hoffnung gewesen sein, in dem sich Zabihullah Tamanna entschied, Foto-Journalist zu werden und nicht Rechtsanwalt, was er studiert hatte. Es wäre schön gewesen, wenn er den Aufbruch seines Heimatlandes in eine friedliche Zukunft hätte dokumentieren können. Eine Zukunft, die an eine Vergangenheit anknüpft, die dieses Land mit seinen wildromantisch-kargen Gebirgsregionen und seinem reichen kulturellen Erbe ja auch hat: Ende der 60er, Anfang der 70er, als Zahir Schah, König Afghanistans, die mittelalterlichen Stammesstrukturen modernisierte, sein Land nach außen öffnete, Frauen das Wahlrecht bekamen und Schulen und Unis besuchen durften. Damals gab es tatsächlich Studentinnen in Sommerkleidern, die an der Uni in Kabul Medizin studierten. Und die Chicken Street galt unter den Hippie-Travellern als coole Location auf der Reise Richtung Indien.

Für ältere Afghanen ist diese Zeit die letzte positive Erinnerung an ein halbwegs friedvolles Leben – für die jungen ist es nur noch eine Erzählung.

Zabi – so nannten ihn seine Freunde – war ein freundlicher, warmherziger Mann, der Wert darauf legte, seine Akkreditierung als Journalist auf legalem Wege zu bekommen, nicht wie üblich durch Bestechung. Seine Waffe war der Fotoapparat. Und statt eines Neubeginns dokumentierte er nun den Abstieg seiner Heimat in den nächsten tödlichen Konflikt. Er sprach mit alten, korrupten Politikern und mit jungen Frauen, die plötzlich wieder Burka trugen. Er fotografierte junge Männer, die sich nach Europa durchschlagen wollten und die dazu gehörenden Menschenschmuggler, die das Leid zu sehr viel Geld machten. Und er  begleitete für eine Reportage kleine Jungs, die sich ein paar Münzen verdienten, indem sie an Kreuzungen den Autofahrern den Rauch duftender Kräuter entgegenwedeln. Diese Kräuter, so der Aberglaube, schützen vor dem Bösen. Wie schön wäre es, gerade hier, der Zauber würde funktionieren.

Für Zabi hat er nicht funktioniert. Er recherchierte gemeinsam mit dem preisgekrönten amerikanischen Fotojournalist David Gilkey für den Sender National Public Radio im Süden des Landes in der Provinz Helmand. Hier, im Herz der Finsternis, herrschen die Taliban auf die ihnen eigene, zynische Art. Hier lassen sie die Bauern auf der Hälfte der kompletten Anbaufläche Afghanistans Schlafmohn säen und ernten. Das bringt zehn Mal mehr Profit als, zum Beispiel, der Anbau von Weizen. Also zehn Mal mehr Geld für Waffen. Dass Allah den Anbau von Drogen nicht gutheißt, ficht sie nicht an: Der Krieg ist heiliger.

Drei Generationen sind seither mit der Waffe in der Hand groß geworden  – oder mit der Angst, durch eine dieser Waffen zu sterben.

Mit einer dieser Drogendollar-Waffen, einer Granate, wurde Zabi getötet, als er mit der afghanischen Armee nahe der Stadt Mardscha unterwegs war, um die Spur des Schlafmohns zu verfolgen. Der Wirtschaftsfaktor Opium ist für die Taliban zu wichtig, er wird mit aller Macht verteidigt. 90 Prozent des afghanischen Opiums stammen aus dieser Provinz. Die Radikalislamisten verdienen Millionen aus Steuern auf Mohnanbau und dem Drogenschmuggel. Die afghanische Armee hat das Gebiet im vergangenen Jahr so gut wie aufgegeben, und auch die Spezialkräfte der US-Armee konnten nicht verhindern, dass die bestens ausgerüsteten Gotteskrieger die Provinz überrannten. Eine Lösung? Nicht in Sicht. Afghanistan bleibt eines der gefährlichsten Länder für Journalisten.

Barbara Jung Stellvertretende Leiterin des Ressorts Kultur und Leben des Magazins Focus

Zabihullah Tamanna

Fotojournalist, Rechercheur unter anderem für den US-Sender National Public Radio. † Getötet mit 38 Jahren am 5. Juni 2016 in der afghanischen Provinz Helmand

Der Afghane Zabihullah Tamanna war ein Mann mit vielen Fähigkeiten: Er hatte Medizin studiert, war gelernter Jurist, widmete sich aber dem Journalismus. Zabi war Fotojournalist für die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, schrieb für die türkische Nachrichtenagentur Anadolu und war zuletzt tätig für das renommierte National Public Radio. Schließlich wurde er bei einem Arbeitseinsatz für das NPR durch einen Hinterhalt getötet. Er hinterlässt drei Kinder. (Bild: picture alliance/ap)

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Ukraine/Maidan – gettyimages

Die Bombe

In der Nachrichtenhierarchie westlicher Medien ist die Ukraine ein wenig nach unten gerutscht. Überwiegend scheint es so, in Anspielung auf den berühmten Roman von Erich Maria Remarque, als gäbe es im Osten nichts Neues. Das ist leider nicht einmal falsch – denn es gibt weiterhin beinahe täglich Tote, Soldaten und Zivilisten gleichermaßen. Auch Journalisten.

-Am 20. Juli vergangenen Jahres starb Pawel Scheremet, als unter seinem Wagen eine Bombe detonierte. Der 44-jährige gebürtige Weißrusse war auf dem Weg zur Arbeit in der Redaktion der Ukrajinska Prawda, mitten in Kiew. Und das ist nicht zuletzt der Situation geschuldet, die Pawel Scheremet immer wieder beschrieben hat: In der Ukraine herrscht Anarchie. Weder hat das Minsker Abkommen die Ostukraine befriedet – ganz im Gegenteil. Noch ist es gelungen, in dem Land rechtsstaatliche Strukturen und demokratische Institutionen zu verankern und das Land ökonomisch auf Wachstumskurs zu bringen.

Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

So macht sich in Kiew bereits vielerorts die Befürchtung breit, die Situation könne in einem Militärputsch eskalieren. Auch Pawel Scheremet warnte vor einem möglichen Staatsstreich, zuletzt in einem Artikel, den er drei Tage vor seinem Tod veröffentlichte. Womöglich hat nur der Umstand, dass vergangenen Juli der Putsch in der Türkei niedergeschlagen wurde, Ähnliches in der Ukraine verhindert. Eventuell aber nur aufgeschoben. Die Lage ist gespannt.

Und das Schicksal der Ukraine von einer unheiligen Allianz zweier Machtpole gelenkt: der Regierung von Petro Poroschenko und dessen von der CIA beaufsichtigten Geheimdienst SBU – und den russophoben Radikal-Patrioten, deren paramilitärische Freiwilligen-Bataillone seinerzeit für die Gewalt-Exzesse auf dem Maidan verantwortlich waren und, nach dem Sturz von Wiktor Janukowytsch, die Aggression gegen die russischen Separatisten im Donezbecken schürten.

Stets am Rande eines weiteren Maidan, wenn nicht eines Staatsstreichs, und von den Ultra-Rechten permanent dem Vorwurf ausgesetzt, zu russenfreundlich zu sein, wagt es kein politischer Funktionsträger, gegen die Nazi-Bataillone vorzugehen, auch Journalisten, Richter und Wirtschaftsbosse, selbst solche mit einem Funken Restanstand hat, geben klein bei oder wedeln besser mit den Nationalfarben, wenn sie ihren Job, ja wenn sie ihr Leben behalten wollen.

Das Ergebnis ist de facto ein gesetz- loser Zustand.

Wie weit die Macht dieser Paramilitärs reicht, zeigt allein ein Beispiel aus dem vergangenen Sommer. Da waren zwei hochrangige Manager, ein Vorstandsmitglied des staatlichen Öl- und Gasversorgers Naftogaz und der Vize-Chef des Düngemittelherstellers Odessa Port Plant der sicher geglaubten Verurteilung wegen Veruntreuung von Firmenvermögen entkommen. Aber nicht etwa aus Beweismangel oder sonstiger schlampiger Arbeit des Anti-Korrupti- onsbüros. Sondern weil Männer in Kampfanzügen zwei Tage lang die Arbeit des Gerichts blockierten und so lange Chaos und Angst schürten, bis die Männer frei waren. „Männer in Kampfanzügen sind inzwischen, wenn nicht über dem Recht, dann doch zumindest in der Lage, die Rechtsprechung zu paralysieren“, kommentierte Scheremet, der als einziger von dem Fall berichtete.

Besonders einflussreich und besonders rigoros ist das so genannte Regiment Asow. Es umfasst mehr als 800 Kämpfer, wird von Innenminister Arsen Awakow sanktioniert und stellt mit dem früheren Kommandeur Wadim Trojan seit Ende letzten Jahres sogar den ukrainischen Polizeipräsidenten. An der Spitze dieser ultra-nationalen Privatarmee steht Andrij Bilezkyi, ein ausgewiesener Nazi, der auch als unabhängiger Kandidat im Parlament sitzt und von Präsident Poroschenko 2014 für seinen Einsatz in der Ostukraine mit dem Orden „Für Tapferkeit“ ausgezeichnet wurde.

Vergangenen November, am Jahrestag des Beginns der Maidanbewegung, ließen die rechten Schläger eine bis dahin friedliche Gedenkveranstaltung in Gewalt ausarten. Rund 500 teils vermummte Rekruten des Regiments Asow zogen mit Sprechchören wie „Ruhm der Ukraine – Tod den Feinden“ durch Kiew, zerlegten eine Filiale der russischen Bank Sberbank sowie einen Schönheitssalon, den sie mit dem Büro des vermeintlich zu russenfreundlichen Politikers Viktor Medwetschuk verwechselten.

Ein neues Maidan, womöglich gar ein Staatsstreich, lag in der Luft.

Darüber hinaus soll das Regiment Asow auch hinter diversen finanziell motivierten Verbrechen stecken. Etwa dem bewaffneten Überfall auf einen Geldtransporter nahe Saporischschja im letzten Sommer. Bei einer anschließenden Schießerei mit der Polizei wurden zwei der Räuber getötet, darunter ein lettischer Neo-Nazi und ein Russe, beide hoch angesehene Kämpfer des Regiments Asow, auch einer von zwei Festgenommenen diente der Truppe bis zuletzt. Bilezkyi eilte noch in der Nacht nach dem Vorfall zum Ort des Geschehens, um seine Kämpfer still zu halten. Ein Blutbad drohte.

„Ein Wort von Bilezkyi, und eine Armee junger Männer wäre im Zentrum von Kiew aufmarschiert, bereit die Feinde der Ukraine, russische Agenten und die Oligarchen zu zerpflücken. Sie hätten von Verrat geschrien und von Sicherheitskräften, die Kriminelle im Donbass schützten und die wahren Patrioten schikanierten“, schrieb Pawel Scheremet. „Ich kann mir vorstellen, wie schwer es ihm diese Entscheidung fiel.“ Ein neues Maidan, womöglich gar ein Staatsstreich, lag in der Luft. Scheremets leider von viel zu wenigen gehörte, geschweige denn berühmt gewordene letzte Worte lauteten: „Wir müssen Andrij Bilezkyi aufmerksam beobachten.“
Er selbst kann dies nun nicht mehr tun. Umso mehr ist die Welt gefordert.

Christian Seidl Teamleiter Story, Berliner Kurier / Berliner Zeitung

Pawel Scheremet

Journalist bei der Ukraijnska Prawda † Ermordet mit 44 Jahren am 20. Juli 2016 in Kiew

Pavel Grigorievich Sheremet war bekannt als scharfer Regimekritiker – und das nicht nur in seiner Heimat Weißrussland, auch in Russland und der Ukraine. Weltweit wurde er als Journalist geschätzt: Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) hat ihn 1999 ausgezeichnet mit dem Award für Internationale Pressefreiheit. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa hat seine Arbeit 2002 gewürdigt. Pavel starb im Alter von nur 44 Jahren durch einen gezielten Anschlag. (Bild: picture alliance/dpa)

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