Letztes Jahr wurden 61 Journalisten getötet. Doch ihre Stimmen verdienen es, weiter gehört zu werden.

Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Schicksal und eine Stimme. Jede Woche kommen weitere hinzu. Navigiere durch die Zahlen um mehr zu erfahren und um den Stimmen wieder Gehör zu verschaffen.

Letztes Jahr wurden 61 Journalisten getötet. Doch ihre Stimmen verdienen es, weiter gehört zu werden.

Zum Tag der Pressefreiheit starten die Berliner Zeitung und die Agentur Havas aus Düsseldorf ein Projekt zur Erinnerung an alle Journalisten, die im Jahr 2016 in Ausübung ihres Berufes getötet wurden.

61 Kollegen kamen ums Leben, 61 Stimmen verstummten, an sie wollen wir in der Zeitung und auf der Online-Plattform „Projekt 61“. erinnern. Um den kritischen Stimmen der verstorbenen Kollegen wieder Gehör zu verschaffen, erheben 61 Redakteure noch einmal die Stimme in deren Sache. Sie schreiben über die Themen, die die getöteten Kollegen beschäftigt haben und über ihr Leben als bedrohte Journalisten.

Zum Auftakt geht das Online Portal zeitung-61.de – zum Tag der Pressefreiheit – mit den ersten drei Beiträgen live. Bis zum Herbst werden auf der Website sukzessive alle weiteren 58 Journalisten gewürdigt. Das Projekt, das auch über die sozialen Medien gespielt wird, soll die Bedeutung der freien Presse in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Die Pressefreiheit ist eines unserer höchsten Güter. Mit unserer Hommage wollen wir den verstorbenen Journalisten unseren großen Respekt für ihren Einsatz zollen und ihren kritischen Stimmen ein wirksames Echo geben. Renommierte Autoren der Berliner Zeitung und weiterer Titel werden ihre Beiträge zur Verfügung stellen.  „In Zeiten weltweiter politischer Unruhen, zunehmender Entdemokratisierung und der Bedrohung der freien Presse ist es wichtig, ein deutliches Zeichen zu setzen“, sagt Andreas Henke, Chief Creative Officer Havas Düsseldorf.

Jochen Arntz Chefredakteur der Berliner Zeitung
Hier zu Artikel 61
Photo by Mario Tama/Getty Images

João Miranda Do Carmo

Seine Gegner störte nicht nur, welche Themen er aufgriff, sondern auch die Haltung, mit der er es tat.

Die Geschichte endet wie eine Szene aus einem Thriller. Am späten Abend des 24. Juli 2016 hört Joao Miranda do Carmo, wie ein Mann vor seinem Haus in der brasilianischen Kleinstadt Santo Antônio do Descoberto seinen Namen ruft. Er geht hinaus, um nachzuschauen. Im Halbdunkel der Straße parkt ein roter Fiat. João Miranda do Carmo nähert sich dem Auto, da fallen die Schüsse. Sieben Mal wird er in die Brust getroffen, er stirbt sofort. Zeugen sehen und hören, wie mindestens zwei Männer mit dem Auto davon rasen.

Seine Freunde sind davon überzeugt, dass dies ein gezielter Anschlag auf den 54 Jahre alten Journalisten war. Wer dahinter steckt, ist bis heute unklar. Es können Männer aus dem Drogenmilieu sein, die Tat kann aber auch politische Motive haben. Denn João Miranda do Carmo war ein bekannter, ein umstrittener Mann in der kleinen Stadt, etwa 30 Kilometer westlich der Metropole Brasilia. Er arbeitete für ein Nachrichtenportal mit dem programmatischen Namen „SAD Sem Censura“ – Santo Antonio do Descoberto (kurz: SAD) ohne Zensur.

Der Mord an ihm ist ein weiteres Beispiel dafür, dass eben nicht allein die im ganzen Land bekannten Journalisten großer Medien, die gegen die Korruption in der Regierung und kriminelle Strukturen in der Hauptstadt kämpfen, in Gefahr sind. Ihre Prominenz schützt sie sogar bis zu einem gewissen Grad. Die vielen mutigen Lokalreporter, die überall in Brasilien die politische und kriminelle Mafia verfolgen, haben solchen Schutz nicht. João Miranda do Carmo war so ein Mann. „Er verlangte Antworten von Politikern, der Polizei und den Beamten“, sagte Claudio Curado von der Journalistengewerkschaft des Bundesstaates dem internationalen Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ). „Wir glauben, der Mord hat einen politischen Hintergrund. Er hinterfragte die örtlichen Politiker.“

Dabei ging es eben nicht um die großen Themen, die Brasilien seit Jahren erschüttern, die alle kennen: Korruptionsvorwürfe gegen die abgesetzte Präsidentin und ihren Nachfolger, die Skandale um den Staatskonzern Petrobas oder die Olympiabauten. Do Carmo beschäftigte sich zuletzt auf seiner Webseite mit der Frage, warum manche Straßen in der kleinen Stadt mit 50.000 Einwohnern befestigt werden und andere nicht, mit einer neuen lokalen Müllsteuer und mit den Klagen von Gemeindearbeitern, sie erhielten ihren Lohn nicht pünktlich.

Das sind Themen, die sich nicht besonders von jenen unterscheiden, denen auch europäische, deutsche Lokaljournalisten nachgehen. Es ist ihre Aufgabe, sie üben eine öffentliche, demokratische Kontrolle im Interesse der Bürger ihrer Gemeinden aus. Doch sie haben bei uns kaum mehr zu befürchten als vielleicht einmal einen unfreundlichen Anruf oder die Beschwerde eines betroffenen Honoratioren oder Werbekunden beim Verlag. João Miranda do Carmo aber wurde wegen seiner Arbeit massiv bedroht. 2014 zündeten Unbekannte sein Auto an. Im Jahr danach meldete er der Polizei schon erste Morddrohungen. Seine Gegner störte nicht nur, welche Themen er aufgriff, sondern auch die Haltung, mit der er es tat. Der Journalist war Mitglied der kommunistischen Partei und machte daraus kein Geheimnis.

„Wir glauben, der Mord hat einen politischen Hintergrund. Er hinterfragte die örtlichen Politiker.“

Die Polizei blieb immerhin nicht untätig. Drei Tage nach dem Mordanschlag nahm sie einen Mann fest. Zeugen hatten den 40-Jährigen als Fahrer des Fiats identifiziert, in dem die Täter flüchteten. Er arbeitete bei einem Sicherheitsdienst, der öffentliche Gebäude in der Stadt bewacht. Er soll auch Kontakt zu Drogenhändlern gehabt haben, über deren Treiben do Carmo berichtet hatte. Doch Wochen später hieß es, die Polizei habe weder ein Motiv noch die Hintermänner der Tat ermitteln können. So endet diese Geschichte also doch nicht wie ein Thriller, in dem der Mörder meist gefasst wird. Das Ende ist noch offen, und die Familie, die Freunde und Leser von João Miranda do Carmo zweifeln, ob sie jemals erfahren werden, wer diesen mutigen Lokaljournalisten umgebracht hat, ob die Täter jemals zur Verantwortung gezogen werden.

Holger Schmale DuMont-Hauptstadtredaktion

João Miranda Do Carmo

Moderator, SAD Sem Censura (ohne Zensur) † 24. Juli 2016

Der 54-jährige Brasilianer war Inhaber einer Website für Lokalnachrichten namens „SAD Sem Censura“ – „Santo Antônio do Descoberto Unzensiert“. Die Seite befasste sich mit Themen wie Korruption und Kriminaldelikten dieser Kleinstadt, wodurch do Carmo in den Jahren vor seinem Tod mehrere Morddrohungen erhielt. Laut der örtlichen Polizei allerdings bestünde kein Zusammenhang zwischen dem Mord an João Miranda Do Carmo und seiner journalistischen Tätigkeit. Die Website ist inzwischen offline. (Bild: www.opopular.com.br – Credits Reproduktion aus Facebook)

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Eine klare Stimme, verstummt

Khaled al-Zintani konnte sich nicht abwenden. Er hatte keine Möglichkeit, seine Aufmerksamkeit anderen Schauplätzen zuzuwenden. Während die Weltöffentlichkeit schon lange nicht mehr auf Libyen, sein Heimatland, schaute, war der Fotojournalist immer noch da, arbeitete noch immer von dort, …

…versorgte Medien unermüdlich mit Bildern aus Bengasi, seiner Heimatstadt. Es gibt viele schreckliche Orte auf der Welt, und Libyen gehört ganz sicher dazu, Libyen ist das Synonym für einen „failed state“, einen zerfallenen Staat. Das Interesse westlicher Medien an dem Krieg in dem einst von Muammar al-Gaddafi regierten Land währte nicht allzu lang. Es hielt so lange, wie der Protest und der Widerstand gegen den Machthaber als Teil des arabischen Frühlings wahrgenommen wurden.

Das Interesse flaute ab, als sich der Konflikt immer mehr zu einem brutalen und unübersichtlichen Bürgerkrieg wandelte, in dem neben dem IS eine Vielzahl weiterer islamistischer Milizen ihre Rolle spielen. Heute erfahren wir unter anderem durch die Berichte von Flüchtlingen, die sich von Libyen aus auf den Weg nach Europa machen, wie schlimm die Situation in dem nordafrikanischen Land ist. Aber auch durch die Arbeit von unerschrockenen Journalisten wie Khaled al-Zintani haben wir erfahren, wie es um Libyen steht. Am 24. Juni 2016 starb er in Bengasi. Erschossen von einem Scharfschützen.

Khaled al-Zintani war von Anfang an dabei, zunächst als Demonstrant, schließlich als Fotojournalist, um die Auseinandersetzungen und die Entwicklungen in Libyen mitzuerleben. Er berichtete aus Bengasi und Zintan, einer Stadt im Nordwesten des Landes, die eine Hochburg der Rebellen war. Al-Zintani dokumentierte das Bombardement der Gaddafi-Truppen, vor dem die Bewohner in umliegende Höhlen geflohen waren. Zuletzt leitete er das Büro von „Zintan TV“ in Bengasi, arbeitete auf freiberuflicher Basis für „Sky News Arabia TV“ und drehte PR-Videos für die Nationale Libysche Armee.

Al-Zintani stand in seiner Arbeit zwar klar auf der Seite der Rebellen, gestand aber auch deren Fehler und Vergehen ein. Zum Beispiel als diese bei der Rückeroberung Zintans zum Teil brutal gegen Angehörige des Stammes der Meshaashiya vorgingen. Einige Meshaashiya berichteten, dass sie 2011 vor den Rebellen fliehen mussten, da diese den Stammesmitgliedern vorwarfen, Gaddafi unterstützt zu haben und ihre Häuser zerstörten. Al-Zintani verwarf aber auch hier seine klare Positionierung nicht grundsätzlich: „Ich will sie nicht entschuldigen“, sagte er einmal. „Aber solche Dinge passieren doch in jedem Krieg.“

Khaled al-Zintani war von Anfang an dabei, zunächst als Demonstrant, schließlich als Fotojournalist

An der Situation der Meshaashiya wird deutlich, wie kompliziert und verfahren die Situation in Libyen ist. Gaddafi hatte die Angehörigen des Stammes in den 70er Jahren umgesiedelt, als Teil seiner „Teile und herrsche“-Strategie. Diese sah vor, Konflikte zwischen rivalisierenden Familienverbänden zu unterbinden und seine Herrschaft auf diese Weise zu sichern. Die Erfahrungen des erlittenen Unrechts unter Gaddafis jahrzehntelanger Herrschaft brachen in dem Bürgerkrieg schließlich wieder hervor.

Für seinen letzten Einsatz war Al-Zintani als „Medienschaffender“ bei der Spezialeinheit Saiqa der Nationalen Libyschen Armee „embedded“. Unter der Führung von General Khalifa Haftar, der den Ostteil des Landes kontrolliert, lieferte sich die Saiqa im vergangenen Jahr heftige Kämpfe mit islamistischen Milizen, darunter auch solche, die dem IS nahestehen. Einen solchen Einsatz wollte al-Zintani in Bengasi begleiten.

Omar Altwati, ein Produzent, der mit al-Zintani in den Wochen vor dessen Tod zusammengearbeitet hat, gab an, dass al-Zintani noch Tage vor seiner Erschießung Bilder von Kämpfen im Südteil Bengasis geliefert habe. Einen Tag vor al-Zintanis Tod hatten die beiden noch Kontakt. Dieser sicherte zu, dass er „über alle Kämpfe in der Gegend“ berichten werde. Am nächsten Tag ging al-Zintani nicht mehr an sein Handy. Er konnte nicht mehr. Ein Militärsprecher bestätigte den Tod des Journalisten gegenüber Altwati. Auch wenn keine der islamistischen Milizen, die in die Kämpfe in Bengasi involviert waren, die Tötung al-Zintanis für sich beanspruchte, kann man davon ausgehen, dass der Schütze aus den Reihen der Milizionäre stammte.

Man mag nun beanstanden, dass Khaled al-Zintani kein unabhängiger Berichterstatter war. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Weltöffentlichkeit auf Berichte von Kollegen wie ihn angewiesen ist, um überhaupt etwas von dem Geschehen aus Kriegsschauplätzen wie Bengasi zu erfahren. Zuletzt haben die beiden Hauptakteure Libyens, Khalifa Haftar im Osten und Fayez al-Sarraj im Westen, zwar wieder miteinander geredet und Parlamentswahlen angekündigt – die Zukunft des Landes ist dennoch ungewiss. Eine Stimme, die uns von dieser berichtet hätte, ist am 24. Juni 2016 verstummt.

Milan Jaeger Weserkurier

Kahled al-Zintani

Korrespondent, Zentan TV / Skynews † 23. Juni 2016

Der Libyer Khaled Al Zintani ist geboren und gestorben in der umkämpften Hafenstadt Bengasi. Er arbeitete hauptsächlich als freier Fotojournalist. Zuletzt begleitete er die Saiqa Spezialkräfte bei einer Offensive gegen die islamistische Miliz in Bengasi, bei der er von einem Scharfschützen im Gwersha Viertel im Süden der Stadt erschossen wurde. Al Zintani war einer der wenigen Journalisten, der die Öffentlichkeit mit Bildern aus dem jahrelangen Bürgerkrieg Libyens versorgte und dabei sein Leben riskierte.

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Abdullah Doma/AFP/Getty Images

Schutzlos trotz allem

Er hätte aufgegeben können. 2012 war der niederländische Fotojournalist Jeroen Oerlemans von radikalen Islamisten im Norden Syriens entführt worden, zusammen mit seinem britischen Kollegen John Cantlie. Nach einem Fluchtversuch schwer verletzt, wurden beide eine Woche später von Kämpfern der Freien Syrischen Armee befreit.

Was mag dieses Erlebnis in dem erfahrenen Kriegsreporter ausgelöst haben? Und was mag in ihm vorgegangen sein, als er erfuhr, dass John Cantlie nur wenige Monate später wieder verschleppt worden war und mit ihm ein weiterer Kollege, der amerikanische Fotograf James Foley, der wenig später von einem Kämpfer des sogenannten Islamischen Staat enthauptet wurde? Als Jeroen Oerlemans Cantlie zwei Jahre später in IS-Propaganda-Videos sah, ihm zuhören musste, wie dieser den IS-Terror rechtfertigte, muss er sich gefragt haben, was die Gefangenschaft, die Gewalt, vielleicht die Gehirnwäsche bei seinem ehemaligen Mitgefangenen angerichtet hatte, der bis heute in der Gewalt des IS ist.

Was auch mit ihm selbst hätte passieren können.

Oerlemans und Cantlie waren bei ihrer ersten Entführung mit dem Leben davongekommen. Um ein Haar.

Niemand hätte Oerlemans für einen weniger leidenschaftlichen Journalisten gehalten, wenn er damals den Einsätzen in Kriegsgebieten für immer abgeschworen hätte. Glaubt man seinen Mitarbeitern, stürzte der verheiratete Vater von drei kleinen Kindern sich ohnehin nicht leichtsinnig in die gefährlichen Einsätze. „Er war kein Cowboy“, sagt sein Kollege Eike den Hertog von der Fotoagentur De Beeldunie. „Er war umsichtig und sehr klug.“ Kein Draufgänger. Jemand, der die Gefahr, der er sich aussetzte, als sorgfältig kalkuliertes Risiko betrachtete, das er bereit war einzugehen, um dem Schrecken des Krieges ein Gesicht zu geben.

Oerlemans und Cantlie waren bei ihrer ersten Entführung mit dem Leben davongekommen. Um ein Haar.

In den vielen Krisengebieten, die er besuchte, galt sein Blick immer den Menschen. Da steht im Libanon ein Mann fassungslos mit einem kleinen Feuerlöscher in der Hand inmitten der rauchenden Trümmer seines Hauses nach einem israelischen Bombenangriff auf Tyros. Da lugen in Afghanistan Frauen und Mädchen so vorsichtig aus ihrer Haustür in der Stadt Chora, als könnte keine von ihnen glauben, dass es sicher ist, sich auf die Straße zu wagen.

Und da zeigt ein friedlicher Strand an der Küste Libyens eine trügerische Idylle, die für viele Menschen das Tor zur Hölle wurde, nachdem sie einer anderen entkommen zu sein glaubten.

Vom Strand von Zuwara starten viele Flüchtlinge die gefährliche Reise über das Mittelmeer, in der Hoffnung, an einem fernen Ufer ein besseres Leben zu finden. Unter ihnen Tausende der rund eine Million Libyer, die seit dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi und dem Beginn des Bürgerkrieges 2011 vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen sind. Was mit der Bewegung des Arabischen Frühlings als Aufbruch und Kampf für die Freiheit begonnen hatte, mündete in einen Krieg, in dessen Folge bis heute bis zu 50.000 Menschen umkamen.

Zwar ist Libyen seit der Verfassungserklärung von 2011 eine Republik mit parlamentarischer Demokratie unter dem Ministerpräsidenten Fayez al-Sarraj. Tatsächlich kämpfen nach wie vor unzählige Gruppen um die Vorherrschaft im Land, unter ihnen die Terrorgruppen Islamischer Staat und Al-Kaida. Menschenrechtsorganisationen berichten von willkürlichen Verhaftungen, von Folter in den Gefängnissen.

Libyen gilt als eines der gefährlichsten Länder auch für Journalisten, die immer wieder zwischen die Fronten der Kriegsparteien geraten. Reporter ohne Grenzen listet das Land auf Platz 163 von 180 Ländern auf der Rangliste der Pressefreiheit.

Für Jeroen Oerlemans mag das ein Grund mehr gewesen sein, sich dem Land immer wieder zuzuwenden. Er wollte nicht nur an der Oberfläche kratzen. So war es wohl schon gewesen, als der 1970 geborene Oerlemans nach einem Master in Politikwissenschaften in Amsterdam auch noch Fotojournalismus in London studierte.

Seine Reisen führten ihn immer wieder in den Nahen Osten, nach Syrien, Afghanistan, in den Iran, nach Libyen, aber auch nach Pakistan, Sierra Leone und in den Sudan. Seine Fotos erschienen in Magazinen wie Newsweek und dem Time Magazine und in zahlreichen Zeitungen wie dem Guardian oder der Sunday Times.

Im Herbst 2016 war Oerlemans für das belgische Magazin Knack in der libyschen Stadt Sirte unterwegs und berichtete über die Offensive von Pro-Regierungs-Truppen gegen den IS. Es fanden heftige Kämpfe statt. Am 2. Oktober, einem Sonntag, begleitete Oerlemans ein Minenräum-Kommando. In einem Stadtteil von Sirte, der bereits von den Dschihadisten befreit schien, wurde Jeroen Oerlemans von einem IS-Heckenschützen getroffen. Der Schuss traf ihn an der Seite, an einer Stelle, an der ihn die kugelsichere Weste, die er trug, nicht schützen konnte. Er war sofort tot.

Der Twitter-Account von Jeroen Oerlemans ist noch aktiv. Sein letzter Tweet stammt vom 12. Juli 2016. Er ist die Reaktion auf ein Lebenszeichen seines ehemaligen Mitgefangenen. John Cantlie war in einem weiteren IS-Video aufgetaucht. Angeblich zeigt es ihn in der irakischen Stadt Mossul. Jeroen Oerlemans schreibt: „Ich hoffe immer noch, dass er eines Tages wieder zu Hause sein wird.“

Tanja Brandes Redakteurin Berliner Zeitung/Berliner Kurier

Jeroen Oerlemans

Fotojournalist, Kriegskorrespondent † 2. Oktober 2016

Jeroen Oerlemans war ein ambitionierter Fotograf. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft lernte er Reportage-Fotografie in London und hat sich durch Publikationen in renommierten Magazinen wie der Times oder The Guardian einen Namen gemacht. 2012 wurde er von radikalen Islamisten gekidnappt und eine Woche gefangen gehalten bis die Freie Syrische Armee ihn befreit hat. 2016 wurde er in der lybischen Stadt Syrte bei einem Reportage-Einsatz durch einen gezielten Schuss eines IS-Heckenschützen getötet. Obwohl er eindeutig als Journalist erkennbar war. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder. (Bild:picture alliance / ANP)

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Somalia – Mohamed Abdiwahab/gettyimages

Auf offener Straße

Sagal Salad Osman hatte Hunger, als sie an jenem Nachmittag im Juni 2016 eine Universität im Westen der somalischen Hauptstadt Mogadischu verließ, mit zwei Freundinnen ging sie in ein Cafe in der Nähe. Die junge Journalistin studierte Informatik und arbeitete als Moderatorin und Producerin von Kinderprogrammen für den staatlichen somalischen Rundfunk. Sie kam nie zurück.

Siebenmal schossen zwei oder drei unbekannte Männer auf sie, auf offener Straße. Sie entkamen unerkannt. Der Verdacht lag nahe, dass es sich um Milizen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab handelte, das jedenfalls sagte die Polizei sehr schnell.

Sagal Salad Osman war gerade einmal 24 Jahre alt, auf Bildern lächelt eine selbstbewusste junge Frau in die Kameras. Sie hielt sich nicht an die strengen Vorschriften zur Verschleierung in der Öffentlichkeit, die die Islamisten verlangen, ihre Freunde sind sicher, dass das allein schon ein Grund war, sie umzubringen. Dazu interessierte sie sich für Fußball, sie war ein Fan von Manchester United. Die Polizei dagegen ging von einem Racheakt von Al-Shabaab aus. Kurz zuvor war ein Islamist wegen mehrerer Morde an Journalisten zum Tode verurteilt und hingerichtet worden.

Sagal Salad Osman starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Tod war eine Tragödie für ihre Familie, so schilderten es Kollegen. Ihre Mutter war kurz zuvor gestorben, sie musste ihre sechs jüngeren Geschwister miternähren.

Journalisten in ganz Afrika waren erschüttert und schickten Solidaritätsadressen

Ihr Tod wurde nicht nur von Kollegen betrauert, er fand weltweit Beachtung – und wurde in Somalia sofort zum Politikum. Journalisten in ganz Afrika waren erschüttert und schickten Solidaritätsadressen, die afrikanische Friedensmission im Land verurteilte den Mord, selbst der  damalige Staatspräsident äußerte sich. Die Täter würden vor Gericht gebracht werden und zur Verantwortung gezogen, versprach Hassan Sheikh Mohamud. Er wusste selbst, wie hilflos das klang.  „Wir fordern die somalischen Behörden auf, die Verantwortlichen zu finden und den Zyklus von Gewalt und Straflosigkeit zu beenden, der das Land seit so langer Zeit heimsucht“, flehte Omar Faruk Osman, Chef des somalischen Journalistenverbands, die Behörden geradezu an. Die Appelle blieben so folgenlos wie viele andere zuvor.

Journalisten in Somalia leben gefährlich, sie müssen immer um ihr Leben fürchten. Gerade in der Hauptstadt Mogadischu ist die Lage oft so angespannt und unübersichtlich, dass viele es vorziehen, in ihren Redaktionen zu übernachten oder gar zu wohnen. Den Weg nach Hause haben viele nicht überlebt. Wenige Monate vor dem Mord an Sagal Salad Osman starb ihre Kollegin Hindiyo Haji Mohamed mit nur 27 Jahren, Unbekannte hatten eine Bombe unter ihrem Auto angebracht. Sie arbeitete ebenfalls für den staatlichen Rundfunk und hinterließ fünf Kinder. Ihr Mann, auch Journalist, war bereits einige Jahre zuvor ermordet worden.

Somalia gehört nicht nur den ärmsten Ländern der Welt, sondern auch zu den hoffnungslosesten. Lange Zeit galt es als ein komplett gescheiterter Staat, in dem blanke Gewalt und Chaos herrschten. 2006 eroberten Islamisten die Hauptstadt, eine Übergangsregierung war bereits zuvor ins Exil geflohen. Erst das Eingreifen des Nachbarlands Äthiopien beendete den Vormarsch der Islamisten.

Bild: National Union of Somali Journalists (NUSOJ ) Sagal Salad Osman war gerade einmal 24 Jahre alt, auf Bildern lächelt eine selbstbewusste junge Frau in die Kameras

Für Journalisten gehört Somalia zu den schlimmsten Ländern auf der Welt, seitdem im Jahr 1992 nach dem Sturz des Diktators Siad Barre ein blutiger Bürgerkrieg begann. Befriedet ist das Land bis heute nicht, Regierungstruppen und die Soldaten der Afrikanischen Mission liefern sich erbitterte Gefechte mit den Islamisten, auch die USA beteiligen sich aus der Luft an den Angriffen. Erst 2012 konnte zum ersten Mal wieder eine neue Regierung gewählt werden, die aber nur einen kleinen Teil des Landes unter Kontrolle hat. Immerhin ist seit Februar ein neuer Präsident im Amt, auf dem viele Hoffnungen liegen. Doch Al-Shabaab kämpft weiterhin gegen jeden Versuch, das Land zu stabilisieren, fast täglich verüben die Islamisten schwere Anschläge, auch in der Hauptstadt.

Ihr Mann, auch Journalist, war bereits einige Jahre zuvor ermordet worden.

Dazu kommen Mangelernährung und Hunger, zwei von drei Somaliern haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, nur wenige Kinder besuchen Schulen. Fast eine Million Menschen sind in Nachbarländer geflohen, mindestens ebenso viele innerhalb des Landes auf der Flucht. Es könnten bald doppelt so viele werden, denn Somalia wird derzeit auch noch von einer verheerenden Dürre heimgesucht.

59 Journalisten wurden seit Ausbruch des Bürgerkriegs getötet, in der Rangliste für die Pressefreiheit auf der Welt der Organisation Reporter ohne Grenzen belegte das Land im vergangenen Jahr Platz 167 – von 180. Allein im Jahr 2012 verloren 18 Journalisten ihr Leben.

Islamistische Milizen, Warlords, Kriminelle, rivalisierende Clans haben keinerlei Interesse auf Aufklärung und Enthüllung, sie schrecken vor keinem Mord und keiner Gewalttat zurück. Aber auch die Behörden und die Regierung gängeln unliebsame Journalisten mit Razzien, Einschüchterung, willkürlichen Festnahmen und Folter. Ernsthafte Ermittlungen nach Morden an Journalisten gibt es fast nie, die meisten bleiben unaufgeklärt. Auch Sagal Salad Osmans Mörder wurden nie gefasst.

Kordula Doerfler Sie ist Korrespondentin der DuMont Hauptstadtredaktion und hat lange Zeit in Afrika gelebt.

Sagal Salad Osman

24, Radio Mogadiscio † Wurde am 5. Juni 2016 in Mogadischu erschossen

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Somalia beträgt 55 Jahre. Sagal Salad Osman wurde 24 Jahre alt. Die Reporterin und Studentin arbeitete für das staatliche Radio Mogadischu, für das sie ein Kinderprogramm produzierte. Sie wurde erschossen als sie ihren Campus im Hodan-Viertel von Mogadischu verließ. Offiziell bekannte sich niemand zum Mord. Die Polizei jedoch verdächtigte die islamistische Miliz al-Shabaab, die schon zuvor Journalisten getötet hatte. (Bild: National Union of Somali Journalists (NUSOJ ))

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Anabel Flores Salazar

Argentinien – Ronaldo Schemidt/AFP/Getty Images

Die Journalistin Anabel Flores Salazar war 32 Jahre alt, als sie in der Nacht des 9. Februar 2016 von bewaffneten Männern in Polizeiuniform aus ihrer Wohnung in Veracruz in Mexiko entführt wurde. Am nächsten Morgen fand man die Leiche der jungen Frau halbnackt in einem Straßengraben am Highway, etwa eine halbe Autostunde entfernt von ihrer Wohnung. Sie wurde erstickt.

Anabel Flores Salazar arbeitete als Journalistin für die lokale Zeitung El Sol de Orizaba. Unbequeme Themen – das war ihr Metier, in einem Land, das alles andere als bequem für Journalisten ist.

Sechs Jahre zuvor begann sie als Praktikantin, seitdem arbeitete Anabel Flores Salazar als Journalistin.  Bevor sie zu El Sol de Orizaba kam, schrieb sie für verschiedene andere Blätter als freie Journalistin. Sie berichtete über Autounfälle, Polizeiarbeit und Tötungsdelikte. Oft fand sie dabei Verbindungen zwischen Gewaltverbrechen an jungen Mädchen und den Drogenkartellen der Umgebung. Sie nutzte dabei in ihren Artikeln den Begriff „Femicida“.  Das Wort Femizid oder auch Feminizid wird im Deutschen oft für Gewalt an Mädchen und Frauen mit Todesfolge verwendet. Bis zu ihrem Tod berichtete die Journalistin immer über mysteriöse Todesfälle von Teenagerinnen in Veracruz.

Man geht davon aus, dass ihr Tod in Verbindung mit der Drogenkriminalität vor Ort stand. Am selben Tag wurden noch zwei weitere Leichen gefunden. Beide standen in Beziehung zu einer Geschichte, an der Anabel Flores Salazar vor ihrem Tod recherchierte, berichtete die US-amerikanische Seite The Daily Beast.

Am selben Tag wurden noch zwei weitere Leichen gefunden.

Die Polizei ermittelte in alle Richtungen und untersuchte eventuelle Zusammenhänge. Die Polizei glaubte, dass sie Kontakt zu einem Gangsterboss eines Drogenkartells hatte. Doch Anabel Flores Salazar saß lediglich mit ihrer Familie im selben Restaurant, als dieser 2014 festgenommen wurde. Ihre Tante erklärte, Anabel Flores Salazar hätte keinen Kontakt zu diesem Mann gehabt.

Anabel Flores Salazar schrieb über Themen, die viele Journalisten aus Mexiko meiden und die sich aus Angst und Schutz eine Selbstzensur auferlegen. Die ostmexikanische Provinz Veracruz aus der Anabel Flores Salazar stammte, gilt nach Aussage des ROG-Geschäftsführers Christian Mihr für Journalisten als der „gefährlichste Ort in der westlichen Hemisphäre“.  Allein in den vergangenen sechs Jahren wurden in dem mexikanischen Bundestaat 17 Journalisten umgebracht.

Bild: Ronaldo Schemidt/ AFP/ Getty Images – Gedenken an die toten Journalisten vor dem Staatsbüro Veracruz`s. Mexico City 11. Februar.

Die Journalisten leben in einem repressiven Staat mit einem korrupten Justizsystem, umgeben von gewalttätigen Drogenhändlern. Vor allem die geografische Lage von Veracruz ist dafür verantwortlich: Der Bundestaat liegt zwischen der Hauptstadt Mexiko-Stadt und dem Golf von Mexiko und verfügt über den wichtigsten Hafen des Landes. Er ist also Umschlagplatz für das organisierte Verbrechen, besonders der Drogenhandel floriert. Staatliche Schutzprogramme funktionieren kaum, oft arbeiten Behörden und organsierte Gewalt zusammen. Journalisten und Menschenrechtsaktivisten geraten immer wieder ins Kreuzfeuer.

Aktuell steht Mexiko auf Platz 147 der Rangliste der Pressefreiheit – von 180 Plätzen. Auch in diesem Jahr sind in Mexiko schon drei Journalisten getötet worden, ihr Tod stand nachweislich im direkten Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit.

2016 wurden zehn Menschen umgebracht, weil sie ihrer Arbeit nachgegangen waren.

Anabel Flores Salazar hinterließ ihren Ehemann, ihr zwei Wochen altes Baby und ihren vierjährigen Sohn. Auf ihrer Facebookseite, die noch aktiv ist, steht ein spanisches Zitat: „Als ich aufgeben wollte, bist du in mein Leben getreten.“ Im Hintergrund sieht man ein Pärchen im Gegenlicht.

Von Melanie Reinsch Redakteurin der DuMont-Hauptstadtredaktion

Anabel Flores Salazar

El Sol de Orizaba † Ermordet am 9. Februar 2016

Nach Syrien hat Mexiko die zweithöchste Anzahl an getöteten Journalisten. Eine davon war die gebürtige Mexikanerin und zweifache Mutter Anabel Flores Salazar. Sechs Jahre lang war sie als Journalistin tätig, einer ihrer Schwerpunkte waren Kriminaldelikte, Mord eingeschlossen. Zuletzt schrieb sie für die Lokalzeitung „El Sol de Orizaba“. Orizaba befindet sich im Bundesstaat Veracruz – früher sehr sicher, mittlerweile aufgrund massiver Drogenkriminalität allerdings der zweitgefährlichste Bundesstaat. (Bild: Ronaldo Schemidt/ AFP/ Getty Images)

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Südsudan – gettyimages

Der Traum ist aus

Das neue Jahrtausend hatte mit so viel Optimismus begonnen. Nach Jahrzehnten des Krieges und der Unterdrückung war im Südsudan zuerst der Frieden so nah und dann sogar die Unabhängigkeit.

Isaac Vuni war da schon einer der bekanntesten südsudanesischen Journalisten, er hatte immer leidenschaftlich für die Sache seines Volkes geschrieben: aller Menschen im Süden des damals so riesigen Sudan, in dem die britischen Kolonialherren einst die arabisch-islamischen Nordsudanesen als Herrscher über die überwiegend christlichen Schwarzafrikaner im Süden installiert hatten. Und wie hatten „die Araber“ das „die Schwarzen“ spüren lassen!

Isaac Vuni hatte auch darüber geschrieben, in den Jahren des Freiheitskampfes der Südsudanesen gegen den Norden. Vor allem aber darüber, wie die „Sudanesische Volksbefreiungsarmee“ (SPLA) für einen eigenen Staat kämpfte; wie Rebellenführer und Zentralregierung in Khartum irgendwann endlich verhandelten und wie sie 2005 nach fast 40 Jahren Krieg tatsächlich Frieden schlossen und einen unabhängigen Südsudan in Aussicht stellten. Die Südsudanesen waren euphorisch. Land in Sicht!

Doch Isaac Vuni war kein Freiheitskämpfer. Er war Journalist.

Er blieb im Süden, wo die einstigen Kämpfer der SPLA in Politik und Verwaltung wechselten, und schrieb weiter, als freier Reporter für die unabhängigen Zeitungen, die endlich nicht mehr vom Norden verfolgt wurden.

Vuni lebte mit seiner Familie in der Provinz Ost-Äquatoria, nahe der Grenze zu Uganda, wo der Krieg die Konflikte zwischen den vielen Völkern der Region lange überlagert hatte. Nun brachen sie im Streit über Land und Macht aus.

Er schrieb auch über gute Nachrichten: 2007 versprach die ugandische Terrorgruppe LRA ihren Rückzug; Hunderttausende Südsudanesen kamen  aus dem Exil heim; die Zentralregierung kündigte das Unabhängigkeitsreferendum für 2011 an.

Weil Isaac Vuni aber Reporter war, schrieb er auch über die Verfehlungen der eigenen Leute, die den neuen Staat teilweise unter sich aufteilten. Er erinnerte an ihre Versprechen, zum Beispiel an eine Frauenquote von einem Viertel, die bei weitem verfehlt wurde.  Er deckte Vetternwirtschaft in staatlichen Bauprojekten auf, sogar Scharmützel mit getöteten Zivilisten.

Die Provinzregierung entzog Vuni die Akkreditierung, ließ ihn festnehmen. Für ihn gingen die optimistischen Jahre im Südsudan zu Ende, ehe dessen Unabhängigkeit kam.

2009 enthüllte er, dass der südsudanesischen Nile Commercial Bank das Geld ausging und dass daran auch zinsfreie Kredite für Mitglieder der Übergangsregierung steckten.

Die Weggefährten der Befreiungsbewegung sahen ihren früheren Chronisten bald als Problem. Zwei Mal wurde Vuni wegen seiner Berichte festgenommen. Danach schrieb er nicht mehr unter seinem Namen.

Zwei Jahre, bevor der Südsudan endlich unabhängig wurde, war Vuni zum Reporter ohne Namen geworden, aus Angst vor den neuen Herrschern, deren Kampf gegen die Unterdrückung er einst begleitet hatte.

Und schon zwei Jahre nach der Staatsgründung endete der Optimismus auch für seine Landsleute.

Die neue Regierung zerbrach entlang der ethnischen Linien, 2013 flammte im Südsudan ein neuer Krieg aus, unter denen, die sich im Kampf gegen den Norden als ein Volk gefühlt hatten. Alle Seiten versuchten, Kritiker mundtot zu machen, und jene, die über ihre Gräueltaten und Unversöhnlichkeit berichteten.

Unter ihnen war jetzt auch Isaac Vuni, ohne Namen, aber weiter prominent.

Im Juni 2016 verschleppten ihn sechs Bewaffnete in Uniformen der Leibgarde des Präsidenten aus seiner Wohnung. Wie seine Frau, seine Kollegen und die Journalistenverbände auch über diesen mutmaßlichen Einschüchterungsversuch protestierten – es gab kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Drei Monate später wurde Isaac Vuni tot auf einer Farm in der Nähe seines Heimatortes gefunden: im September 2016, keine sechs Jahre, nachdem 99 Prozent seiner Landsleute für einen neuen Staat gestimmt hatten, der ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben endlich erfüllen sollte. Der Staat, für den sich Isaac Vuni immer eingesetzt hatte. Es wurde gegründet, doch es gibt ihn bis heute nicht.

Steven Geyer Leiter der DuMont-Hauptstadtredaktion

Isaac Vuni

Korrespondent für The Sudan Tribune und den Juba Monitor † Er wurde von Soldaten entführt und am 26. September auf einer Farm im Sudan tot aufgefunden.

Isaac Vuni kam aus dem Südsudan – dem fünftgefährlichsten Land für Journalisten weltweit. Als Korrespondent für den englischsprachigen „The Sudan Tribune“ und das unabhängige Nachrichtenportal „Juba Monitor“ positionierte sich Isaac als kritische Stimme eines Landes, das vom Bürgerkrieg gezeichnet ist. Am 26. September 2016 wurde die Leiche von Isaac Vuni gefunden. Der Mord an ihm wurde scharf verurteilt von Irina Bokowa, Generaldirektorin der UNESCO.

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Afghanistan – gettyimages

Die Hoffnung war groß

Es gab eine Zeit, da berichteten die internationalen Medien tagtäglich und ausführlich über Afghanistan. Im Jahr 2000 war das, als Ahmed Schah Massud, der Löwe von Pandschir, mit seiner Nordallianz einen letzten Zipfel im Nordosten des Landes gegen die Taliban verteidigte. Er wurde 2001 von als Journalisten getarnten Attentätern getötet, kurz bevor seine Truppen mit der durchschlagenden Unterstützung des US-Militärs siegreich in die Hauptstadt Kabul einziehen konnten.

Damals war die Hoffnung so groß

Damals war die Hoffnung so groß, dass dieses kriegsversehrte Stückchen Erde, dieser Spielball der Großmächte, dieses Opfer seiner geopolitischen Lage nun zur Ruhe kommen konnte. Nach Jahren des Bürgerkriegs, bei denen es vor allem um die Interessen der USA und der Russen ging, auch wenn die Protagonisten vor Ort Rabbani, Hekmatyar und Abdul Raschid Dostum hießen.

Es muss in diesem kurzen Moment der Hoffnung gewesen sein, in dem sich Zabihullah Tamanna entschied, Foto-Journalist zu werden und nicht Rechtsanwalt, was er studiert hatte. Es wäre schön gewesen, wenn er den Aufbruch seines Heimatlandes in eine friedliche Zukunft hätte dokumentieren können. Eine Zukunft, die an eine Vergangenheit anknüpft, die dieses Land mit seinen wildromantisch-kargen Gebirgsregionen und seinem reichen kulturellen Erbe ja auch hat: Ende der 60er, Anfang der 70er, als Zahir Schah, König Afghanistans, die mittelalterlichen Stammesstrukturen modernisierte, sein Land nach außen öffnete, Frauen das Wahlrecht bekamen und Schulen und Unis besuchen durften. Damals gab es tatsächlich Studentinnen in Sommerkleidern, die an der Uni in Kabul Medizin studierten. Und die Chicken Street galt unter den Hippie-Travellern als coole Location auf der Reise Richtung Indien.

Für ältere Afghanen ist diese Zeit die letzte positive Erinnerung an ein halbwegs friedvolles Leben – für die jungen ist es nur noch eine Erzählung.

Zabi – so nannten ihn seine Freunde – war ein freundlicher, warmherziger Mann, der Wert darauf legte, seine Akkreditierung als Journalist auf legalem Wege zu bekommen, nicht wie üblich durch Bestechung. Seine Waffe war der Fotoapparat. Und statt eines Neubeginns dokumentierte er nun den Abstieg seiner Heimat in den nächsten tödlichen Konflikt. Er sprach mit alten, korrupten Politikern und mit jungen Frauen, die plötzlich wieder Burka trugen. Er fotografierte junge Männer, die sich nach Europa durchschlagen wollten und die dazu gehörenden Menschenschmuggler, die das Leid zu sehr viel Geld machten. Und er  begleitete für eine Reportage kleine Jungs, die sich ein paar Münzen verdienten, indem sie an Kreuzungen den Autofahrern den Rauch duftender Kräuter entgegenwedeln. Diese Kräuter, so der Aberglaube, schützen vor dem Bösen. Wie schön wäre es, gerade hier, der Zauber würde funktionieren.

Für Zabi hat er nicht funktioniert. Er recherchierte gemeinsam mit dem preisgekrönten amerikanischen Fotojournalist David Gilkey für den Sender National Public Radio im Süden des Landes in der Provinz Helmand. Hier, im Herz der Finsternis, herrschen die Taliban auf die ihnen eigene, zynische Art. Hier lassen sie die Bauern auf der Hälfte der kompletten Anbaufläche Afghanistans Schlafmohn säen und ernten. Das bringt zehn Mal mehr Profit als, zum Beispiel, der Anbau von Weizen. Also zehn Mal mehr Geld für Waffen. Dass Allah den Anbau von Drogen nicht gutheißt, ficht sie nicht an: Der Krieg ist heiliger.

Drei Generationen sind seither mit der Waffe in der Hand groß geworden  – oder mit der Angst, durch eine dieser Waffen zu sterben.

Mit einer dieser Drogendollar-Waffen, einer Granate, wurde Zabi getötet, als er mit der afghanischen Armee nahe der Stadt Mardscha unterwegs war, um die Spur des Schlafmohns zu verfolgen. Der Wirtschaftsfaktor Opium ist für die Taliban zu wichtig, er wird mit aller Macht verteidigt. 90 Prozent des afghanischen Opiums stammen aus dieser Provinz. Die Radikalislamisten verdienen Millionen aus Steuern auf Mohnanbau und dem Drogenschmuggel. Die afghanische Armee hat das Gebiet im vergangenen Jahr so gut wie aufgegeben, und auch die Spezialkräfte der US-Armee konnten nicht verhindern, dass die bestens ausgerüsteten Gotteskrieger die Provinz überrannten. Eine Lösung? Nicht in Sicht. Afghanistan bleibt eines der gefährlichsten Länder für Journalisten.

Barbara Jung Stellvertretende Leiterin des Ressorts Kultur und Leben des Magazins Focus

Zabihullah Tamanna

Fotojournalist, Rechercheur unter anderem für den US-Sender National Public Radio. † Getötet mit 38 Jahren am 5. Juni 2016 in der afghanischen Provinz Helmand

Der Afghane Zabihullah Tamanna war ein Mann mit vielen Fähigkeiten: Er hatte Medizin studiert, war gelernter Jurist, widmete sich aber dem Journalismus. Zabi war Fotojournalist für die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, schrieb für die türkische Nachrichtenagentur Anadolu und war zuletzt tätig für das renommierte National Public Radio. Schließlich wurde er bei einem Arbeitseinsatz für das NPR durch einen Hinterhalt getötet. Er hinterlässt drei Kinder. (Bild: picture alliance/ap)

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Ukraine/Maidan – gettyimages

Die Bombe

In der Nachrichtenhierarchie westlicher Medien ist die Ukraine ein wenig nach unten gerutscht. Überwiegend scheint es so, in Anspielung auf den berühmten Roman von Erich Maria Remarque, als gäbe es im Osten nichts Neues. Das ist leider nicht einmal falsch – denn es gibt weiterhin beinahe täglich Tote, Soldaten und Zivilisten gleichermaßen. Auch Journalisten.

-Am 20. Juli vergangenen Jahres starb Pawel Scheremet, als unter seinem Wagen eine Bombe detonierte. Der 44-jährige gebürtige Weißrusse war auf dem Weg zur Arbeit in der Redaktion der Ukrajinska Prawda, mitten in Kiew. Und das ist nicht zuletzt der Situation geschuldet, die Pawel Scheremet immer wieder beschrieben hat: In der Ukraine herrscht Anarchie. Weder hat das Minsker Abkommen die Ostukraine befriedet – ganz im Gegenteil. Noch ist es gelungen, in dem Land rechtsstaatliche Strukturen und demokratische Institutionen zu verankern und das Land ökonomisch auf Wachstumskurs zu bringen.

Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

So macht sich in Kiew bereits vielerorts die Befürchtung breit, die Situation könne in einem Militärputsch eskalieren. Auch Pawel Scheremet warnte vor einem möglichen Staatsstreich, zuletzt in einem Artikel, den er drei Tage vor seinem Tod veröffentlichte. Womöglich hat nur der Umstand, dass vergangenen Juli der Putsch in der Türkei niedergeschlagen wurde, Ähnliches in der Ukraine verhindert. Eventuell aber nur aufgeschoben. Die Lage ist gespannt.

Und das Schicksal der Ukraine von einer unheiligen Allianz zweier Machtpole gelenkt: der Regierung von Petro Poroschenko und dessen von der CIA beaufsichtigten Geheimdienst SBU – und den russophoben Radikal-Patrioten, deren paramilitärische Freiwilligen-Bataillone seinerzeit für die Gewalt-Exzesse auf dem Maidan verantwortlich waren und, nach dem Sturz von Wiktor Janukowytsch, die Aggression gegen die russischen Separatisten im Donezbecken schürten.

Stets am Rande eines weiteren Maidan, wenn nicht eines Staatsstreichs, und von den Ultra-Rechten permanent dem Vorwurf ausgesetzt, zu russenfreundlich zu sein, wagt es kein politischer Funktionsträger, gegen die Nazi-Bataillone vorzugehen, auch Journalisten, Richter und Wirtschaftsbosse, selbst solche mit einem Funken Restanstand hat, geben klein bei oder wedeln besser mit den Nationalfarben, wenn sie ihren Job, ja wenn sie ihr Leben behalten wollen.

Das Ergebnis ist de facto ein gesetz- loser Zustand.

Wie weit die Macht dieser Paramilitärs reicht, zeigt allein ein Beispiel aus dem vergangenen Sommer. Da waren zwei hochrangige Manager, ein Vorstandsmitglied des staatlichen Öl- und Gasversorgers Naftogaz und der Vize-Chef des Düngemittelherstellers Odessa Port Plant der sicher geglaubten Verurteilung wegen Veruntreuung von Firmenvermögen entkommen. Aber nicht etwa aus Beweismangel oder sonstiger schlampiger Arbeit des Anti-Korrupti- onsbüros. Sondern weil Männer in Kampfanzügen zwei Tage lang die Arbeit des Gerichts blockierten und so lange Chaos und Angst schürten, bis die Männer frei waren. „Männer in Kampfanzügen sind inzwischen, wenn nicht über dem Recht, dann doch zumindest in der Lage, die Rechtsprechung zu paralysieren“, kommentierte Scheremet, der als einziger von dem Fall berichtete.

Besonders einflussreich und besonders rigoros ist das so genannte Regiment Asow. Es umfasst mehr als 800 Kämpfer, wird von Innenminister Arsen Awakow sanktioniert und stellt mit dem früheren Kommandeur Wadim Trojan seit Ende letzten Jahres sogar den ukrainischen Polizeipräsidenten. An der Spitze dieser ultra-nationalen Privatarmee steht Andrij Bilezkyi, ein ausgewiesener Nazi, der auch als unabhängiger Kandidat im Parlament sitzt und von Präsident Poroschenko 2014 für seinen Einsatz in der Ostukraine mit dem Orden „Für Tapferkeit“ ausgezeichnet wurde.

Vergangenen November, am Jahrestag des Beginns der Maidanbewegung, ließen die rechten Schläger eine bis dahin friedliche Gedenkveranstaltung in Gewalt ausarten. Rund 500 teils vermummte Rekruten des Regiments Asow zogen mit Sprechchören wie „Ruhm der Ukraine – Tod den Feinden“ durch Kiew, zerlegten eine Filiale der russischen Bank Sberbank sowie einen Schönheitssalon, den sie mit dem Büro des vermeintlich zu russenfreundlichen Politikers Viktor Medwetschuk verwechselten.

Ein neues Maidan, womöglich gar ein Staatsstreich, lag in der Luft.

Darüber hinaus soll das Regiment Asow auch hinter diversen finanziell motivierten Verbrechen stecken. Etwa dem bewaffneten Überfall auf einen Geldtransporter nahe Saporischschja im letzten Sommer. Bei einer anschließenden Schießerei mit der Polizei wurden zwei der Räuber getötet, darunter ein lettischer Neo-Nazi und ein Russe, beide hoch angesehene Kämpfer des Regiments Asow, auch einer von zwei Festgenommenen diente der Truppe bis zuletzt. Bilezkyi eilte noch in der Nacht nach dem Vorfall zum Ort des Geschehens, um seine Kämpfer still zu halten. Ein Blutbad drohte.

„Ein Wort von Bilezkyi, und eine Armee junger Männer wäre im Zentrum von Kiew aufmarschiert, bereit die Feinde der Ukraine, russische Agenten und die Oligarchen zu zerpflücken. Sie hätten von Verrat geschrien und von Sicherheitskräften, die Kriminelle im Donbass schützten und die wahren Patrioten schikanierten“, schrieb Pawel Scheremet. „Ich kann mir vorstellen, wie schwer es ihm diese Entscheidung fiel.“ Ein neues Maidan, womöglich gar ein Staatsstreich, lag in der Luft. Scheremets leider von viel zu wenigen gehörte, geschweige denn berühmt gewordene letzte Worte lauteten: „Wir müssen Andrij Bilezkyi aufmerksam beobachten.“
Er selbst kann dies nun nicht mehr tun. Umso mehr ist die Welt gefordert.

Christian Seidl Teamleiter Story, Berliner Kurier / Berliner Zeitung

Pawel Scheremet

Journalist bei der Ukraijnska Prawda † Ermordet mit 44 Jahren am 20. Juli 2016 in Kiew

Pavel Grigorievich Sheremet war bekannt als scharfer Regimekritiker – und das nicht nur in seiner Heimat Weißrussland, auch in Russland und der Ukraine. Weltweit wurde er als Journalist geschätzt: Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) hat ihn 1999 ausgezeichnet mit dem Award für Internationale Pressefreiheit. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa hat seine Arbeit 2002 gewürdigt. Pavel starb im Alter von nur 44 Jahren durch einen gezielten Anschlag. (Bild: picture alliance/dpa)

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